Freitag, 10. Juni 2011

Roma-Kinder in Berlin - Aufstieg ins Elend

Manche Roma-Kinder in Berlin gehen in die Schule. Aber etwa 80 Prozent der Roma-Kinder gehen nicht zur Schule. Etwa zweitausend Roma-Kinder leben in Berlin auf der Straße. Nicht wenige dieser Kinder landen als Stricher in der Pädophilenszene.

Von Anna Reimann und Oliver Trenkamp

Es ist eine neue Dimension der Not, mitten in Deutschland: Hunderte Roma-Kinder leben in Berlin in bitterer Armut, gehen nicht zur Schule. Für Lehrer, Sozialarbeiter, staatliche Stellen sind sie kaum zu erreichen. Manche geraten in die Fänge von Pädophilen und verkaufen ihren Körper als Stricher.

Wenn seine Schüler plötzlich neue Schuhe tragen, neue Jeans, neue T-Shirts; wenn Firmen-Logos darauf sind, die sie teuer und wertvoll machen, dann fürchtet Jens-Jürgen Saurin das Schlimmste. Wenn seinen Schülern plötzlich nicht mehr anzusehen ist, dass sie in Häusern wohnen, vor denen sich der Müll stapelt; dass sie in Hinterhöfen und Treppenhäusern spielen, in denen alte Kühlschränke, Staubsauger, Sofas schimmeln, dann fürchtet Saurin, 61, weißes Haar, Schulleiter: Die Jungs sind hineingeraten in die Pädophilenszene Neuköllns. „Wir haben nur in Einzelfällen die Bestätigung dafür, aber der Eindruck ist sehr stark“, sagt Saurin. Im Norden des Berliner Problembezirks sei „in schrecklichem Maße eine pädophile Szene zu beobachten“.

Saurin leitet die Adolf-Reichwein-Förderschule in Neukölln, einer der ärmsten Gegenden Berlins, die sich zugleich zum beliebten Ausgehbezirk wandelt (und dort arme Bewohner durch Besserverdienende verdrängt). Die Bars und Clubs der Feierfreudigen liegen nur wenige Straßen entfernt. Er und seine Kollegen sind so etwas wie ein Kriseninterventionsteam der deutschen Bildungspolitik. Sie kümmern sich um jene Kinder, die es nicht gepackt haben an anderen Schulen; die oft aus armen Familien kommen, die es schwer haben im Leben.

Dutzende Kinder, die bei ihm lernen, stammen aus Roma-Familien, viele sind in den vergangenen Monaten aus Rumänien oder Bulgarien nach Berlin gekommen. Wenn es um das Abrutschen von Kindern ins Strichermilieu gehe, seien die „Roma-Kinder eine besonders gefährdete Jungengruppe“, sagt Saurin.

Nicht nur Saurin, auch andere Sozialarbeiter und Bezirkspolitiker erzählen von Kindern, die ins Strichermilieu oder in die Fänge von Pädophilen geraten sind. Ralf Rötten von der Hilfsorganisation „Berliner Jungs“ sagte der „taz“: „Ein großer Teil der Jungen, die Opfer pädosexueller Gewalt werden, sind Migranten.“ Sie würden sich schämen, hätten Angst vor dem Gesichtsverlust. „Sie wollen nicht als homosexuell gelten.“

Rosa von Praunheim (schwuler Regisseur) hat einen Film über Stricherjungs in Berlin gedreht, er lief auf der letzten Berlinale. Darin porträtiert er auch Roma-Jungs, denn 70 Prozent der männlichen Prostituierten in der Hauptstadt stamme mittlerweile aus Osteuropa, unter ihnen seien viele Roma, sagt er.

Erst langsam gerät das neue Elend in den Blick

Die Kinderprostitution und die sexuelle Gewalt gegen Kinder aus Roma-Familien in sozialen Brennpunkten - es sind Folgen einer Armut, die in ihrer Dimension neu ist in Deutschland.

Wenn über Roma berichtet wird, geht es meist um Diskriminierung und um Kriminalität. Dann leben die Klischees auf vom fahrenden Volk, das unter sich bleiben will. Von klauenden Kindern, von bettelnden Müttern, von Jugendlichen, die einem die Autoscheibe putzen, von Mafia-Strukturen, solche Dinge.

Erst langsam gerät das Elend in den Blick, in dem viele leben, auch mitten in deutschen Großstädten. Da gibt es Hilfsarbeiter, die von Menschenhändlern hergekarrt werden und als legale Sklaven schuften. Am härtesten jedoch trifft es die Kinder.

Tausende Roma-Familien leben in Deutschland, viele sind EU-Bürger, stammen aus Rumänien und Bulgarien. Sie dürfen ohne Arbeitsnachweis nur drei Monate bleiben, oft bleiben sie länger. Sie wollen den Aufstieg schaffen, und leben meist weiterhin im Elend; auch wenn es einigen gelingt, sich selbständig zu machen oder einen regulären Job zu finden.

Es bilden sich neue Parallelgesellschaften, in die vorzudringen nicht leicht fällt. „Wir haben es mit einer neuen Stufe der Armut zu tun“, sagt Neuköllns Migrationsbeauftragter Arnold Mengelkoch.

Wie die Roma von dubiosen Vermietern ausgenommen werden

Ein Teil dieser Welt liegt an einer Kreuzung in Neukölln, nicht weit entfernt von Saurins Schule. Hier sind in heruntergekommenen Wohnblocks Hunderte Roma untergekommen. Auf dem Bürgersteig liegt Müll, ebenso auf dem Hof. Durch die Fenster, über denen Jalousien heruntergekracht sind, dudelt Musik. „Es gibt sehr viele, die ohne offizielle Anmeldung hier leben, sie leben zum Teil in entsetzlichen Wohnverhältnissen und in Unkenntnis dessen, was in diesem Staat möglich und üblich ist“, sagt der Schulleiter. „Aber wahrscheinlich geht es ihnen noch besser als in ihren Herkunftsländern.“

Da viele keine normale Wohnung bekommen, geraten sie oft an dubiose Vermieter, manche zahlen 700 Euro für eine kleine, heruntergekommene Wohnung. Manche geben pro Person 100 bis 150 Euro an Leute, die ihnen ihr Zimmer untervermieten. Oft seien es Hartz-IV-Empfänger, heißt es. „Ich habe den Eindruck, dass sie ausgenommen werden“, sagt ein Sozialarbeiter. Ähnliches hatten Recherchen in Hamburg aufgedeckt.

Manchmal lebten 10 bis 15 Menschen in einer Ein-Zimmer-Wohnung, sagt Hamze Bytyci. Er ist einer der Gründer von Amaro Drom, einem Verein für junge Roma. Rund 200 Hilfesuchende kommen jeden Monat zu ihm und seinen Mitarbeitern, lassen sich helfen bei Amtsgängen, Wohnungsanmeldungen, dem Kontakt zu Schulen.

Wie die Familien das Geld auftreiben und wovon genau sie leben, ist unklar. Der Migrationsbeauftragte Mengelkoch sagt, viele Roma-Männer hätten inzwischen ein Gewerbe angemeldet, sie sammeln Altmetall oder arbeiten auf dem Bau. „Sie versuchen sich, so gut es geht, über Wasser zuhalten, es gibt keine Saufgelage, keine höhere Kriminalitätsrate.“ Ein Sozialarbeiter bei Amaro Drom sagt: „Die Roma übernehmen oft die einfachsten Arbeiten, leben von der Hand in den Mund.“

Tausende Kinder und Jugendliche verbringen die Tage auf der Straße

Die Kinder fallen dabei durchs Raster. Eine Befragung eines Quartiersmanagements in Nord-Neukölln hat ergeben, dass mehr als 80 Prozent der rumänischen und bulgarischen Kinder in der Gegend nicht zur Schule gehen. Bei 400 bis 500 Kindern, die laut Schulrätin im vergangenen Jahr angemeldet wurden, würde das heißen: Tausende verbringen den Tag auf der Straße.

Wer morgens dort vorbeischaut, sieht sie auf den Straßen Fahrrad fahren, Ball spielen, Babys in Kinderwagen umherschieben: Ein Junge, dünn, etwa zehn Jahre alt, klettert mit seiner kleinen Schwester über den Zaun am Spielplatz. Warum er nicht in der Schule sei. „Das Klassenzimmer ist abgebrannt“, behauptet er.

Aber auch mit jenen in den Klassenzimmern sind die Schulen überfordert. Sie wissen nicht, wie sie den Neuankömmlingen umgehen sollen. „Viele der Roma-Kinder sind, auch wenn sie zehn Jahre alt sind, noch nie in eine Schule gegangen“, sagt Schulleiter Saurin. Oft könnten sie weder lesen noch schreiben, Deutsch schon gar nicht. Die fehlende Förderung der ersten Jahre lasse sich kaum aufholen.

An allgemeinen Schulen seien viele Roma-Kinder oft selbst in Sonderklassen vollkommen überfordert. „Wir sind hier das Auffangbecken, aber auch wir haben unsere Schwierigkeiten“, sagt Saurin. Andere Schulleiter berichten von ähnlichen Problemen.

An die Eltern heranzukommen, fällt den Pädagogen schwer. „Es gibt, und das ist wohl ein Resultat aus der Diskriminierung in den Herkunftsländern, eine extreme Distanz, ein großes Misstrauen staatlichen Stellen gegenüber“, sagt Saurin. Dabei sind die Schulen auf Zusammenarbeit mit den Eltern angewiesen.

Elf Lehrer sollen helfen - doch ihre Verträge laufen aus

Kinder, Jugendliche, die noch nie eine Tafel gesehen haben, noch nie ein Mathematikheft, die Politik reagiert darauf bislang nur zaghaft. Elf neue Lehrer mit bulgarischen und rumänischen Wurzeln hat der Berliner Senat zwar eingestellt, die den Roma-Kindern helfen sollen. Sie sollen ihnen Deutsch beibringen und sie so weit bringen, dass sie in der Schule nicht nur ihre Zeit absitzen. Die Verträge der Pädagogen laufen allerdings schon im Sommer aus.

Vor zwei Jahren hat der Senat die Roma noch dafür bezahlt, dass sie zurückgehen. 250 Euro für jeden Erwachsenen, 150 Euro für Jugendliche über 14 Jahren. Die Familien hatten zuvor im Görlitzer Park campiert. Eine politische Strategie oder auch nur eine Schulstrategie gibt es nicht. „Die Politiker sprechen immer von Wanderarbeitern, aber die Menschen sind gekommen, um zu bleiben“, sagt Hamze Bytyci von Amaro Drom.

Er sorgt sich auch um den Ruf der Minderheit. „Entweder werden sie als Diebe oder als Bettler beschrieben“, so Bytyci. „Den Kindern geht es hier oft besser, sie sind einfach nur froh, hier zu sein.“ Sie seien heftigen Stigmatisierung und Verfolgungen in ihrer Heimat entkommen.

Für deutsche Verhältnisse, auch für Verhältnisse in Berlin-Neukölln, ist ihre Lage dennoch schockierend. „Deutschland fühlt sich für diese Kinder nicht verantwortlich“, klagt Bytyci.

Quelle: Roma-Kinder in Berlin




Video: Neue Parallelgesellschaft - Roma in Berlin (08:01)


Siehe auch:
Video: Spiegel-TV - Rumänische Wanderarbeiter in Berlin (08:50)
Duisburg bekommt Roma-Problem nicht in den Griff
Berlin: 9730 Wohnungseinbrüche in 11 Monaten (Roma & Sinti)
Tausende Roma vom Balkan beantragen Asyl in Deutschland
Roma-Kinder in Berlin - Aufstieg ins Elend
Duisburg: Städte hilflos gegen Roma- und Sinti-Zuwanderer 
Duisburg-Hochfeld zwischen Strich und Verfall
Duisburg rollt den roten Teppich für EU-Bürger (Roma) aus
Duisburg: Bulgarische und rumänische Roma sorgen für Unsicherheit  
Belgien: Muslimische Migranten wollen keine Roma-Kinder an Schulen
Berlin: Roma-Familien aus dem Görlitzer Park: Neue Bleibe, letzte Chance
Tschechien: Roma griffen Tschechen mit Macheten und Metallstangen an
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Roma in Berlin: „Hier ist alles viel schöner“
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