Glaubt man der hiesigen Berichterstattung über die Ereignisse in Ägypten, so könnte man meinen, eine seit Jahrzehnten unter der Knute Mubaraks gefangene, grunddemokratische Gesellschaft kämpft sich ihren Weg in die langersehnte Freiheit. Wie falsch diese Sichtweise jedoch ist, geht aus einer Umfrage des Pew Research Centers aus dem Frühjahr 2010 hervor. Die Ägypter, das zeigte sich mit erschreckender Deutlichkeit, wollen vor allem eins: mehr Islam.
(Von Frank Furter)
Das US-amerikanische Pew Research Center mit Sitz in Washington, D.C., gilt als konservativer Think Tank und renommiertes Institut zur Durchführung weltweiter Umfragen. Im vergangenen Jahr fragten die Forscher erwachsene Muslime in sieben islamisch geprägten Ländern, unter anderem auch Ägypten, nach ihren religiösen und politischen Anschauungen, mit wenig überraschenden Ergebnissen.
Die gute Nachricht ist, dass laut der Umfrage 59 Prozent der Ägypter die Demokratie als ihr bevorzugtes Staatssystem bezeichneten. Im Libanon war die Zustimmung mit 81 Prozent am höchsten, in Pakistan mit 42 Prozent am niedrigsten. Gespalten zeigten sich die ägyptischen Muslime in der Frage, wie groß die Rolle des Islam im politischen Leben zu jener Zeit war: 48 Prozent sagten, er spiele eine große Rolle, 49 Prozent sagten, er spiele eine kleine Rolle.
Große Einigkeit herrschte jedoch offensichtlich in der Frage, wie der Einfluss des Islam auf die Politik zu bewerten ist: 91 Prozent der Muslime in Indonesien und immerhin 95 Prozent in Ägypten fanden, der Einfluss des Islam sei positiv. Nur in der Türkei ergab sich in dieser Frage zumindest ein etwa ausgeglichenes Ergebnis (45 zu 38 Prozent). Folgerichtig wünschten sich 95 Prozent der Ägypter einen stärkeren Einfluss des Islam auf die Politik.
Angesichts dessen erscheinen die folgenden Ergebnisse nur logisch und konsequent: 84 Prozent der ägyptischen Muslime forderten, Abtrünnige vom Islam mit dem Tod zu bestrafen, 82 Prozent befürworteten die Steinigung von Ehebrechern, 77 Prozent hielten es für richtig, Dieben die Hand abzuschlagen, 54 Prozent wünschten sich die Trennung der Geschlechter am Arbeitsplatz, genauso viele hielten Selbstmordattentate gegen Zivilisten für gerechtfertigt, zirka die Hälfte sympathisierte mit der Hamas, ein Drittel mit der Hisbollah und immerhin noch ein Fünftel gaben an, eine positive Meinung zu Al Kaida und Osama Bin Laden zu haben.
Freilich dürften sich die Meinungen in der ägyptischen Gesellschaft bisweilen geringfügig verschoben haben. Ein epochaler Umbruch, der plötzlich flächendeckend zu vollkommen anderen Sichtweisen in der Bevölkerung geführt haben könnte, erscheint jedoch äußerst abwegig.
Vielmehr ist davon auszugehen, dass die Forscher am Pew Research Center einen durchaus repräsentativen Querschnitt durch das Meinungsspektrum der ägyptischen Bevölkerung geliefert haben, der auch heute noch überwiegend zutreffend ist. Die Rohdaten der Umfrage sind im Internet frei verfügbar. In die Sichtweise, die überwiegend viele Redakteure und Politiker hierzulande zu den Vorgängen am Nil pflegen, sind sie jedoch offensichtlich nicht eingeflossen.
Im Gegenteil: Hört und liest man, was die üblichen Kommentatoren in Sachen Ägypten von sich geben, könnte man meinen, dort sei eine von Natur aus demokratische und freiheitsliebende Gesellschaft nach jahrzehntelanger Unterdrückung auf dem Weg in die langersehnte Selbstbestimmung. Tatsächlich aber verdichtet sich der Eindruck, das mittelfristig nicht Freiheit und Demokratie, sondern das ideologische Konträr dazu, der Islam (und mit ihm die Muslimbrüder), am Nil das Sagen haben werden.
Quelle: Was die Ägypter wirklich wollen
Siehe auch:
Die Historikerin Bat Ye’or zur „Revolution” in Ägypten
Video: Bedrängte Minderheit – Koptische Christen in Ägypten
21 Christen sterben bei Bombenanschlag in Ägypten
Waffen von USA für Al-Qaida in Libyen?
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