Vorwort: Ich bin vor einigen Tagen auf den Text des ehemaligen Islamwissenschaftlers Muhammad Sven Kalisch gestoßen, der die Behauptung aufstellt, dass es keinen Beweis dafür gibt, dass Mohammed (Muhammad) überhaupt je gelebt hat. Er kommt zu der Ansicht, dass Mohammed genauso eine Legende aus späteren Jahrhunderten, insbesondere des 3. Jahrhunderts (islamischer Zeitrechnung) sein könne. Andererseits sagt er, dass es aber auch keinen Beweis dafür gibt, dass Mohammed nicht gelebt hat. Wie es scheint, existiert Mohammed nur in der Literatur der islamischen Überlieferung. Die Existenz Mohammeds wird allerdings durch die archäologischen Funde nicht bestätigt.
Was mich beim Lesen des Textes von Sven Kalisch übrigens am meisten überrascht hat, war seine Aussage, dass die ersten vier (rechtgeleiteten) Kalifen, die im Islam eine sehr große Rolle spielen, nur in der religiösen Überlieferung des Islam existieren. Ebenso war ich von seiner Aussage überrascht, dass die jüdischen Siedlungen in Medina, die in der Biographie Mohammeds erwähnt werden, bisher durch archäologische Ausgrabungen nicht bestätigt wurden. Offenbar wohnten also in Medina gar keine Juden. Dies deckt sich auch mit jüdischen Quellen, die nichts von Juden in Higaz wissen. Higaz, oder auch Hedschas genannt, ist eine Landschaft im westlichen Saudi-Arabien, zu dem auch die Städte Mekka und Medina gehören. Somit stellt sich also die Frage, wie es zu dem Judenhass kam, der auch im Koran seinen Ausdruck findet.
Sollte Mohammed tatsächlich gelebt haben, so weicht das Bild des historischen Mohammed, dies ist die Meinung von Sven Kalisch, sehr stark davon ab, welches der heutige Islam von ihm zeichnet. Die nichtislamischen Quellen zeichnen ein ganz anderes Bild vom Frühislam, welches sehr stark von der heutigen Darstellung des Islam abweicht. Der Frühislam scheint keinesfalls das Bestreben gehabt zu haben, die ganze Welt islamisieren zu wollen. Offenbar hatte der Frühislam einen wesentlich friedlicheren Charakter, als dies der heutige Islam hat. Es ist also durchaus denkbar, dass der Islam, insbesondere im 3. Jahrhundert islamischer Zeitrechnung, vor allem aus politischen Gründen von muslimischen Herrschern umgedeutet wurde.
Es ist wirklich sehr interessant, was Sven Kalisch schreibt. Ebenso interessant ist seine eigene Biographie. Sven Kalisch konvertierte mit 15 Jahren vom Protestantismus zum Islam. 1997 promovierte (Doktor) er am Fachbereich Rechts- und Wirtschaftswissenschaften an der Technischen Hochschule in Darmstadt. Danach arbeitete er bis 2001 als selbstständiger Rechtsanwalt in Hamburg. Im Jahre 2002 habilitierte (Professor) er sich im Fach Islamwissenschaft an der Universität Hamburg. Im Anschluss erteilte ihm die Universität Hamburg die Lehrbefugnis als Privatdozent für das Fach Islamwissenschaft.
Von 2004 bis 2010 war Kalisch ordentlicher Universitätsprofessor für „Religion des Islam“ am „Centrum für Religiöse Studien“ (CRS) der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Mit seiner Berufung wurden zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland angehende Lehrer für islamischen Religionsunterricht bzw. dessen Ersatzfach „Islamkunde“ an einer deutschen Universität ausgebildet. Im Laufe der Zeit entwickelte Sven Kalisch, der sich mittlerweile Muhammad Sven Kalisch nannte, allerdings kontroverse Position gegenüber dem Islam. Dies drückte sich unter anderem dadurch auch, dass er Zweifel an der historischen Existenz Mohammeds anmeldete. Dies führte zum Zerwürfnis mit dem „Koordinationsrat der Muslime in Deutschland“ (KRM), der im September 2008 seine Mitarbeit im Beirat des Centrums für Religiöse Studien an der Universität Münster beendete. Aufgrund seiner umstrittenen Thesen zur Existenz des Religionsstifters Muhammad entband das nordrhein-westfälische Wissenschaftsministerium Sven Kalisch im Jahre 2008 von der Lehrerausbildung.
Neben der Existenz Mohammeds zweifelte Kalisch übrigens auch die historische Existenz Jesu, Moses, Abrahams und anderer Propheten der islamischen, christlichen und jüdischen Traditionen an. Liest man dies, dann ist man als unbedachter Laie geneigt, Sven Kalisch Unsachlichkeit vorzuwerfen. Liest man hingegen den Text von Sven Kalisch, dann erkennt man, dass er ein ernstzunehmender Wissenschaftler ist (soweit ich das als Laie beurteilen kann), der offensichtlich nur an wissenschaftlichen Fakten interessiert ist.
Zur Kritik der Islamverbände an seinen Interpretationen, die es selbstverständlich gegeben hat, erklärt Sven Kalisch, er halte deren Vorstellung von Theologie für nicht zeitgemäß und möchte die Weichen für die islamische Theologie in Richtung einer historisch-kritischen Forschung gestellt wissen. Für Sven Kalisch geht es dabei in erster Linie darum, den Islam wissenschaftlich zu erforschen und sich nicht, wie es die Muslime seit vielen Jahrhunderten machen, einseitig auf die islamische Geschichtsschreibung zu verlassen, sondern diese ebenfalls kritisch zu hinterfragen.
Kalisch fühlt sich nach eigener Aussage durch seine kritischen Äußerungen zum Islam bedroht. Dass manche konservativen Muslime nun seinen ersten Vornamen Muhammad weg ließen und ihn nur noch Sven Kalisch nannten, empfinde er als kaum verhüllte Drohung, sagte er dem „Spiegel“. Die Botschaft sei klar. „Einige betrachten mich nicht mehr als Muslim.“ (siehe hierzu: Apostasie im Islam (Der Austritt aus dem Islam)) Es gab keine konkreten Drohungen gegen seine Person, aber aufgrund des indirekten Vorwurfs, er sei vom Glauben abgefallen (worauf in vielen islamischen Ländern die Todesstrafe steht) und der Tatsache, dass ausländische Zeitungen ihn als Sven Kalisch statt Muhammad Kalisch bezeichnet haben und damit kund taten, dass er kein Muslim mehr sei, wurde sein Büro an einen nicht-öffentlichen Ort verlegt.
Wie die in Münster erscheinenden Westfälischen Nachrichten am 21. April 2010 auf ihrer Internetseite berichteten, ist Kalisch kein Muslim mehr. Er habe die Hochschulleitung darüber in Kenntnis gesetzt, auch das Landeswissenschaftsministerium sei informiert. Da die Konfession für seine Professorenstelle unerheblich sei, habe Kalischs Entscheidung, den Islam zu verlassen, aus Sicht der Universität keine Konsequenzen. Laut Presseberichten legte er auch seinen Vornamen „Muhammad“ ab. Im Juli 2010 entfernte das Rektorat Kalisch aus dem „Centrum für religiöse Studien“. Er bleibt Professor im Fachbereich Philologie; seine Professur wurde umbenannt in „Geistesgeschichte im Vorderen Orient in nachantiker Zeit“. (Quelle: Sven Kalisch)
Anmerkungen zu den Herausforderungen der kritischen-historischen Methode für das islamische Denken.
Von Prof. Muhammad Sven Kalisch

Prof. Muhammad Sven Kalisch
In seinem 30-seitigem Aufsatz „Islamische Theologie ohne historischen Muhammad“ schreibt der ehemalige islamische Theologe Prof. Muhammad Sven Kalisch:
Bis vor einiger Zeit war ich fest davon überzeugt, dass es sich bei Muhammad um eine historische Person gehandelt hat. Zwar bin ich immer davon ausgegangen, dass die islamische Überlieferung bezüglich Muhammad sehr unzuverlässig ist, doch hatte ich keine Zweifel daran, dass zumindest die Grundlinien seiner Biographie historische Wahrheiten darstellen. Von dieser Position bin ich nun abgerückt und werde demnächst ein Buch veröffentlichen, indem ich unter anderem auch zu dieser Frage Stellung nehmen und meine Argumente genauer darlegen werde. Dieser Aufsatz stellt nur eine kurze Zusammenfassung meiner wichtigsten Argumente dar und widmet sich darüber hinaus der Frage, welche Implikationen (Schlußfolgerungen) historisch-kritische Forschung für die islamische Theologie hat und wie ich als Theologe mit meinen Forschungsergebnissen umgehe (auch darauf werde ich in dem Buch ausführlich eingehen).
Was die Frage der Geschichtlichkeit Muhammads angeht, habe ich im Übrigen gar nicht viel Neues anzubieten. Ich halte meine Position eigentlich nur für eine konsequente Schlußfolgerung aus dem bisherigen Wissensstand. Sie erscheint nur deshalb so spektakulär, weil sie von einem Muslim ausgesprochen worden ist. Dass man unter Berücksichtigung der bekannten Fakten zu einer Skepsis bezüglich der Existenz Muhammads gelangen muss, zeigt auch die erst kürzlich erschienene Muhammad-Biographie von Hans Jansen, der die Unglaubwürdigkeit der islamischen Überlieferung deutlich herausarbeitet. In seinem Buch spricht Jansen die Theorie der Leugnung der Geschichtlichkeit (der Existenz) des Propheten Muhammads an und bemerkt dazu folgendes:
„Anders als viele Muslime denken, lehnen aber auch die meisten westlichen Wissenschaftler derartige Hypothesen ab (nämlich die Hypothese, dass Muhammad nicht existiert haben soll), aus Achtung vor dem Islam, aus Angst vor den Reaktionen ihrer muslimischen Freunde oder weil sie es für spekulativen Unsinn halten.“
Sofern ein Wissenschaftler diese These wirklich für Unsinn hält, muss er dies offen sagen und seine wissenschaftlichen Argumente vorbrigen. Dagegen ist überhaupt nicht einzuwenden. Nur durch einen offenen Austausch der Argumente kommt Wissenschaft voran. Die anderen beiden Argumente aber, welche Jansen erwähnt, sind skandalös.
Das Wort „Achtung“ klingt wunderbar, doch ist es hier völlig feht am Platze, denn gemeint ist eigentlich das Gegenteil. Wer den Muslimen die Auseinandersetzung mit Fakten nicht zutraut, der stellt die Muslime auf die Stufe unmündiger Kleinkinder, denen man die Illusion des Weihnachtsmannes oder des Osterhasen nicht nehmen möchte. Wer wirklich vom Gedanken der Gleichheit aller Menschen ausgeht, der muss auch allen Menschen dieselben intellektuellen Leistungen zutrauen. Wirklicher Respekt vor den Muslimen wäre es, davon auszugehen, dass sie die Kraft besitzen, sich auf der Grundlage unseres modernen Wissensstandes mit der Religion auseinanderzusetzen. Die „Islamophoben“ (Islamkritiker) halten uns Muslime für Barbaren, die „Gutmenschen“ für „edle Wilde“. Das Ergebnis unterscheidet sich letztlich nicht. Muslime sind anders als der Rest der Menschen und gehören entweder in den Streichelzoo oder in das Raubtiergehege. Auf jedenfall aber in den Zoo.
Das letzte Argument schließlich ist noch erbärmlicher, denn dafür gibt es nur ein Wort: Feigheit. Der religiöse Fundamentalismus (nicht nur islamischer!) ist auf dem Vormarsch und dagegen gilt es die Freiheit des Denkens unter allen Umständen zu verteidigen. An diesem Punkt darf es keine Kompromisse geben, ansonsten wird die Weiche für den Rückfall ins Mittelalter gestellt und das kann sehr viel schneller gehen, als manche Menschen sich das vorstellen.
Meine Position bezüglich der Geschichtlichkeit Muhammads ist, dass ich weder seine Existenz noch seine Nichtexistenz für beweisbar halte. Ich tendiere zwar zur Nichtexistenz, für beweisbar halte ich sie jedoch nicht. Mein Eindruck ist, dass, sollte es in Zukunft nicht noch archäologische Sensationsfunde, ein islamisches „Qumram“ [1] oder „Nag Hammadi“ [2] geben, die Frage nach der historischen Existenz Mohammads wohl nie abschließend wird geklärt werden können.
[1] 1947 fanden Beduinen in der Nähe von Qumran am Toten Meer in einer Höhle Schriftrollen, die allerdings nicht vollständig erhalten waren. Nachdem man erkannt hatte, welche Bedeutung diese Schriftrollen hatten, forschte man weiter. Bis heute fand man in insgesamt 11 Höhlen etwa 900 Schriftrollen. Zeitlich stammen die Handschriften aus der Zeit zwischen dem 3. Jahrhundert vor Christus und der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts nach Christus. Davon sind nur etwa zehn Rollen fast vollständig erhalten. Andere Rollen sind stark beschädigt und in zum Teil nur daumennagelgroßen Fragmenten erhalten. Aus dem 1. Jahrhundert vor und nach Christus stammend, sind sie die ältesten Bibelhandschriften, die jemals gefunden wurden. Sie umfassen alle Bücher des Alten Testamentes außer Esther, den Tanach, die Heilige Schrift des Judentums, Apokryphen (außerbiblische Texte), wie den hebräischen Text des vorher nur in Übersetzungen bekannten Buches von Jesus Sirach. Eine 3 m lange Rolle enthält das gesamte Buch Jesaja und eine 2 m lange Rolle beinhaltet die Lebensregeln der Essener von Qumran.Ich vertrete nicht pauschal die Ansichten von Karl-Heinz Ohlig und Volker Popp, halte jedoch ihren methodischen Ansatz für äußerst fruchtbar. Ohlig und Popp plädieren für eine Auswertung der archäologischen und nichtislamischen Zeugnisse zur Entstehung des Frühislam, ohne diese gleich im Lichte der islamischen Geschichtsschreibung zu interpretieren. Die archöologischen und nichtislamischen Zeugnisse werden von ihnen als eigenständige Quellen ernst genommen. Damit machen sie genau das, was seit einigen Jahrzehnten von vielen Forschern in der Bibelarchäologie betrieben wird. Auch dort hat man die archäologische Faktenlage unabhängig gedeutet und als eigenständige Quelle betrachtet.
[2] Die Nag-Hammadi-Schriften (auch als Nag-Hammadi-Bibliothek bekannt) sind eine Sammlung von frühchristlichen Texten hauptsächlich gnostischer Orientierung, die im Dezember 1945 in der Nähe des kleinen ägyptischen Ortes Nag Hammadi von ansässigen Bauern gefunden wurde. Die meisten dieser Schriften waren bis dahin gar nicht oder nur in Fragmenten bekannt. Dazu gehört insbesondere das Thomasevangelium.
Die dabei auftretende Unvereinbarkeit von archäologischer Faktenlage und dem Bericht des Alten Testaments führte zur Entstehung des sogenannten „Biblical Minimalism“ (vertreten von Thomas Thompson, Niels Peter Lemche, Philip R. Davis und Keith W. Whitelam), der zwar in der alttestamentlichen Forschung ebenfalls als Extremposition gilt, jedoch weitaus respektvoller behandelt wird, als die Thesen von Ohlig und Popp in der Islamwissenschaft. Die Position des „Biblical Minimalism“ sieht im Alten Testament eine theologische Fiktion mit nur minimaler und letztlich irrelevanter oder ganz ohne historische Grundlage.
Die Zeit der Patriarchen, Moses oder Exodus (der Auszug der Juden aus Ägypten), die Zeit der Richter, David und Solomon, ja selbst das Babylonische Exil werden als Mythen verstanden. Viele Forscher teilen diese Extremposition nicht vollständig, kommen ihr aber ziemlich nahe, wie etwa Israel Finkelstein und Neil Asher Silbermann, deren Buch „Unearthed“ vor einigen Jahren auch in Deutschland diskutiert wurde. Dabei muss man allerdings sehen, dass in der alttestamentlichen Forschung die archöologischen Voraussetzungen besser sind als bezüglich der Erforschung des Frühislam. Die Bibelarchöologie hat einfach aufgrund ihrer längeren Geschichte eine wesentlich größere Dichte an Funden aufzuweisen, während im Islam ja schon darin ein Problem besteht, dass an den interessantesten Plätzen nicht gegraben werden darf.
Dennoch sollte erst einmal festgestellt werden, dass Karl- Heinz Ohlig und Volker Popp es gewagt haben, neue Wege zu gehen. Sie haben mit ihrem methodischen Ansatz neue Theorien zur Entstehung des Frühislam aufgestellt und diese zur Diskussion gestellt. Diese Theorien erscheinen auch mir in vielen Punkten sehr gewagt und spekulativ und werden sich in dieser Form vielleicht nicht halten können. Den Frühislam im wesentlichen aus Münzfunden und Inschriften rekonstruieren zu wollen, erscheint mir höchst problematisch. Diese Methode erscheint mir unter Berücksichtigung des vorhandenen Materials eher dazu geeignet festzustellen, wie es nicht gewesen sein kann, und weniger geeignet, eine Rekonstruktion der tatsächlichen Ereignisse gewährleisten zu können.
Die neuen Theorien schaffen aber ein Bewusstsein für viele offenkundig vorhandene Probleme in der Forschung und werden mit Belegen vorgetragen. Was daran unwissenschaftlich sein soll, erschließt sich mir nicht. Ohlig und Popp haben eine neue Deutung der Geschichte des Frühislam entwickelt uns sie der wissenschaftlichen Gemeinschaft vorgelegt, damit über diese Theorie diskutiert und geforscht werden kann. Genau so soll Wissenschaft funktionieren. Um bei Problemen voranzukommen, müssen neue Deutungen gefunden werden und man muss das Risiko eingehen, sich zu irren, anstatt aus Furcht vor Zorn und Spott der lieben Kollegen ja nicht aus der Reihe zu tanzen. Die Zukunft wird zeigen, was von den Theorien Ohligs und Popps Bestand haben wird und was verworfen werden muss.
Ich glaube, dass von ihrem Ansatz auf jeden Fall Bestand haben wird, dass das Vertrauen in die islamische Geschichtsschreibung weiter geschwächt worden ist. Auch wenn man den Schlussfolgerungen von Ohlig und Popp in den Einzelheiten skeptisch gegenüber steht, wird man nicht darum herumkommen, die von ihnen aufgezeigte Differenz zwischen islamischer Geschichtsschreibung und nichtislamischen Quellen sowie archäologischer Faktenlage zu registrieren. Dadurch wird die Feststellung weiter erhärtet, dass wir es bei der islamischen Geschichtsschreibung mit Heilsgeschichte zu tun haben, die wenig oder gar keinen historischen Kern enthält.
Man wird kaum mehr bestreiten können, dass der Islam eine längere Entstehungsgeschichte hatte und dass das Christentum dabei eine Rolle gespielt haben muss. Wieweit umgekehrt die tatsächlichen Ereignisse noch rekonstruiert werden können, ist eine andere Frage. Obwohl ich in vielen Einzelheiten die Schlussfolgerungen von Ohlig und Popp als sehr gewagt und spekulativ erachte, was aber nicht heißt, dass sie vielleicht nicht doch stimmen könnten, komme ich im Endergebnis ihnen recht nahe. Unter Berücksichtigung der islamischen Quellen zur frühislamischen Gnosis scheint es mir äußerst wahrscheinlich, dass der Islam das Produkt einer christlichen oder jüdisch-christlichen Gnosis ist.
Der Islam betrachtet sich als Fortsetzung und Vollendung des jüdisch-christlichen Heilsdramas. Bereits aus diesem Grund liegt es doch nahe, bei seiner Entstehung ähnliche Mechanismen in Betracht zu ziehen, wie es bei der Entstehungsgeschichte des Alten Testaments und des Christentums beobachtet werden können. Was sind nun die wesntlichen Punkte, welche nach meiner Ansicht Anlass dazu geben, die Geschichtlichkeit Muhammads zu bezweifeln?
1. Warum ist die Existenz Muhammads zweifelhaft?
Aus den ersten beiden Jahrhunderten des Islam haben wir kaum islamische Originalquellen. Diesen Punkt muss man sich immer wieder vor Augen führen. Aber auch dort, wo eine Quelle aus dieser Zeit zu stammen scheint, ist Vorsicht geboten. Die bloße Behauptung, eine Quelle stamme aus dem ersten oder zweiten Jahrhundert der islamischen Zeitrechnung, bedeutet nichts. Es ist zunächst eine bloße Behauptung. Und selbst wenn eine Quelle tatsächlich im ersten oder zweiten Jahrhundert verfasst sein sollte, so bleibt immer noch die Frage einer späteren Manipulation. Festeren Boden in der Quellenlage beginnen wir erst im dritten islamischen Jahrhundert zu betreten.
Wenn wir eine Quelle haben, wie etwa das dem al-Hasan al-Basri (gestorben 728 n.Chr.) zugeschriebene Traktat über die Willensfreiheit oder theologische Traktate, die Zaid b. Ali (gestorben 740), einem Ururenkel des Propheten zugeschrieben werden, dann ist man sich darüber im Klaren, dass es für solche Texte keine sichere Überlieferungsgeschichte gibt. Es gibt keine Sicherheit, dass die Quellen tatsächlich von dem Autor stammen, dem sie zugeschrieben werden. Eine nachweisbare Dokumentation, die lückenlos nachprüfbar diese Quellen bis zu ihren angeblichen Autoren zurückverfolgt, gibt es nicht, kann es eben wegen der kaum vorhandenen Quellen auch nicht geben.
Dass eine, wie z.B. bei manchen Schriften des Zaid b. Ali vorhandene Überlieferungskette, immer auch spätere Fälschung sein kann, bedarf keiner weiteren Diskussion. Um die Authentizität einer frühislamischen Quelle zu prüfen, bleibt nur der Weg, sie mit den bekannten Daten mit der Geschichte des Frühislam zu vergleichen und so zu einer gewissen Wahrscheinlichkeitseinschätzung zu kommen, wer diese Texte wann verfasst haben könnte. Hier wird dann aber auch schon das Dilemma deutlich. Diese Daten, das historische Umfeld, werden von der islamischen Geschichtsschreibung vorgelegt. Man bewegt sich also immer im Rahmen dessen, was die islamische Geschichtsschreibung grundsätzlich vorgibt. Die spannende Frage ist aber, inwieweit diese Geschichtsschreibung nicht theologische Konstruktion und Fiktion ist. Misst man manche islamische Texte aus dem 1. und 2. islamischen Jahrhundert an diesem Maßstab, dann vergleicht man vielleicht nur Fälschung mit Fälschung, Fiktion mit Fiktion und hat nichts gewonnen.
Es ist ohnehin auffällig, warum aus dieser Zeit (1. und 2. Jahrhundert Hidschra) so wenig Literatur erhalten ist, wird doch von den späteren Quellen durchaus eine literarische Produktivität für diese Epoche zugestanden. Wir wissen, dass die Muslime sich offensichtlich nicht nur in Arabisch, sonder auch in Mittelpersisch, Griechisch und Latein ausdrücken konnten (siehe unten). Der islamischen Überlieferung zu Folge soll ja Mohammed selbst schon Sendschreiben in arabischer Sprache an die Herrscher seiner Zeit verschickt (so z.B. Kaiser Herakleios, oströmischer bzw. byzantinischer Kaiser) und diese zur Annahme des Islam aufgefordert haben. [3]
[3] Laut der Mohammed-Biographie Ibn Ishaq's fordert Mohammed den oströmischen christlichen Kaiser Herakleios auf, den Islam anzunehmen und unterlegt diese Forderung gleichzeitig mit der Drohung, Byzanz militärisch anzugreifen. Mohammeds Heer, welches aus 3.000 muslimischen Kriegern bestand, soll laut Ibn Ishaq, bis nach Maan in Syrien (Entfernung Medina nach Damaskus/Syrien etwa 1.300 km) gezogen sein. Dort erfuhren die Muslime, dass der byzantinische Kaiser Heraklius (Herakleios) mit 100.000 Kriegern, denen sich weitere 100.000 Mann aus den Stämmen Lakhm, Djudham, Qain, Bahra und Bali angeschlossen hatten, ausgezogen war. Und so kehrten Mohammeds Krieger nach einem kleinen Scharmützel im Dorf Masharif, wo die Muslime auf die byzantinischen Krieger stießen und erkannten, dass sie gegen die Übermacht der Byzantiner nichts ausrichten konnten, unverrichteter Dinge wieder nach Medina zurück.Wo sind all die Zeugnisse einer islamischen Dawa [4], die noch in mehreren Sprachen vorhanden sein müssten, wenn denn die Araber des ersten Jahrhunderts tatsächlich zu einer neuen Weltreligion aufrufen wollten? Sie hätten ihre neue Lehre ja nicht nur auf Arabisch, sondern auch in Griechisch, Latein und Mittelpersisch ihrer Umgebung mitteilen können. Warum ist überhaupt so wenig Literatur aus dieser Zeit erhalten? Wenn man weiß, wie gründlich die schließlich siegreiche katholische Kirche mit dem Erbe der Antike und der Gnosis aufgeräumt hat, dann kann man sich gut vorstellen, was sich vielleicht im Islam abgespielt haben mag. Seit den glücklichen Funden von Nag Hammadi wissen wir, was für ein reicher Schatz an gnostischer Literatur einst existiert haben muss. Wer weiß, welche Literatur in der Umayyadenzeit (661-750) existiert haben mag, die für immer verloren gegangen ist? Wo sind die Zeugnisse der frühislamischen Gnosis, die Gulät der islamischen Häresiographen [5], geblieben?
[4] Unter der Dawa versteht man die Aufforderung der Muslime an die Nichtmuslime, dem Islam beizutreten. Weigern sich die Nichtmuslime dieser Aufforderung zu folgen, dann werden sie bekämpft.Ein Beispiel zur Illustration, der auch in diesem Zusammenhang vielfältigen Probleme innerhalb der islamischen Quellen: In der frühen Sira, der Prophetenbiographie, (genauer: in der frühen Imamiya (Rawafid), also den Vorläufern der Itna Asariya) spielt nach den Quellen ein Personenkreis eine große Rolle, der in der Itna Asariya auch heute noch zu den großen frühen Theologen der imamitischen Sira gerechnet wird und zu dem Namen wie z.B. Hisam b. al-Hakam (2. Jahrhundert Hidschra) oder Hisam b. Salim al-Gawaliqi (2. Jh. H.) gehören. Diese Personen sollen zum engsten Schülerkreis der damaligen Imane gehört haben und schriftstellerisch produktiv gewesen sein.
[5] Als Häresie wird eine Lehre bezeichnet, die im Widerspruch zur Lehre des Christentums oder einer anderen vorherrschenden Auffassung (etwa des Islam) steht und beansprucht, selbst die Wahrheit richtiger zum Ausdruck zu bringen. Ein Häsiograph ist also jemand, der sich mit den von der vorherrschenden Religion abweichenden Lehren beschäftigt. Dies könnte z.B. die Gnosis sein.
Noch Ibn an-Nadim (gestorben 995) kennt Titel ihrer Werke und es ist davon auszugehen, dass zumindest einige davon in seiner Zeit noch existierten. Nach allem, was die Häresiographen uns über diese Leute mitteilen, war ihr theologisches Denken aber noch weit von dem entfernt, was später einmal asaritische [6] Theologie wurde. So verwundert es uns nicht, dass keiner dieser frühen Werke erhalten blieb, obwohl diese Literatur für die Sia (Schiiten?) einen geradezu unschätzbaren Wert gehabt haben muss.
[6] Der Islam hat eine Vielzahl theologischer, rechtswissenschaftlicher, philosophischer und mystischer Strömungen hervorgebracht, die zum Teil nicht mehr existieren. Die bekannteste Unterteilung des Islam ist die nach den Rechtsschulen: Gafariten, Malikiten, Safiten, Hanblaiten, Hanafiten. In der Theologie sind die Mutalaziten und Asariten die bekanntesten Gruppierungen. Die Unterteilung in Sunniten und Schiiten geht zurück auf Meinungsunterschiede hinsichtlich der Nachfolge des Propheten.Die einzige Erklärung für ihr Verschwinden liegt darin, dass sie theologisch längst nicht mehr brauchbar war. Ibn an-Nadim berichtet, dass Hisam b. al-Hakam ein „Kitab ar-radd ala Hisam al-Gawaliqi“ und ein „Kitab ar-radd ala-Saitan at-taq“ verfasst haben soll. Solche Literatur kann der späteren Itna Asariya schon deswegen nicht Recht gewesen sein, weil alle drei ja angeblich Schüler der unfehlbaren Imame waren und nach imamitischer Logik hätten sie die Imame konsultieren müssen, bevor sie theologische Ausagen veröffentlichen, zumindest in wesentlichen Fragen der usul ad-din (der Grundfragen des Glaubens). Es hätte somit kein Grund bestehen dürfen, Widerlegungsschriften zu verfassen....
Es bleibt festzuhalten, dass die islamischen Quellen eine durchaus nennnenswerte Literatur für die ersten beiden Jahrhunderte des Islams behaupten. Die Muslime waren Herrscher, keine verfolgte Minderheit. Es hätte ihnen nicht schwer fallen dürfen, diese Literatur zu bewahren. Tatsache ist, dass diese Literatur heute nicht mehr existiert. Daraus lassen sich nur zwei mögliche Schlußfolgerungen ziehen: Entweder hat diese Literatur nie existiert und ist nur eine Fiktion späterer islamischer Geschichtsschreibung oder aber die späteren Muslime hatten kein Interesse an ihrer Bewahrung. Ein mangelndes Interesse an der Bewahrung aber wäre, gerade angesichts der späteren Sammlung von Überlieferung, nur erklärbar, wenn das frühe Material für spätere Theologen uninteressant gewesen wäre. Uninteressant kann es aber nur gewesen sein, wenn sich in dieser Literatur Angaben gefunden haben, die mit späteren Vorstellungen unvereinbar geworden waren und deshalb auch nicht bewahrt werden sollten.
Van Ess weist deshalb ebenfalls zu Recht auf folgenden Punkt hin (Bezugnehmend auf die islamische Literatur zur Zuverlässigkeit von Überlieferern): „Die dauernde Überlieferung des gleichen Materials, verführt leicht dazu, an dichte Bezeugung zu glauben. Man sollte nicht vergessen, dass diese im Laufe der Zeit immer „objektiver“ wirkenden Informationen meist nur eine ganz schmale Basis haben.“...
Damit komme ich zum Argument der „Verschwörungstheorie“. Kritiker meinen, um das islamische Überlieferungsmaterial zu konstruieren, wäre letztlich eine Verschwörung nötig gewesen. Wir reden hier aber über eine Zeit ohne Massenmedien, Internet, allgemeine Schulpflicht und modernes wissenschaftliches Weltbild. Die Quellen, die die einzelnen Informationen belegen, sind in Wirklichkeit gering an Zahl. Der Zeitraum der berühmten dunklen frühen zwei Jahrhunderte des Islam wäre durchaus ausreichend, um eine neue Glaubenslehre mit erfundener Gründerfigur langsam zu verbreiten. Anderslautendes Material ist im Laufe der Zeit verschwunden. Es wurde vergessen, vernichtet oder im Sinne des neuen Standes der Theologie umgearbeitet. Dieser Prozeß kommt völlig ohne Verschwörung aus. Es reicht aus, wenn sich bestimmte theologische Gedanken langsam durchsetzen und ältere Elemente verdrängen, wie wir es bei dem Beispiel der frühen siitischen (schiitischen?) und mutazilistischen Literatur gesehen haben. Wenn dann auch noch Protektion durch eine politische Herrschaft hinzukommt, geht der Verdrängungsprozess noch leichter.
Was etwa die Aliden angeht, die Familie des Propheten (Ahl al-Bait, Al Muhammad), so kann man sich leicht einen „Entstehungsprozess“ dieser Familie auch ohne historischen Muhammad vorstellen. In einem Streit, der im Jemen des 6. Jahrhunderts (Hidschra) aufkam, wies ein zaidistischer Theologe mit Namen Naswan b. Said al-Himyari darauf hin, dass der Begriff der Al Muhammad, der Familie Muhammads, welcher von den Zaiditen des Jemen immer im Sinne einer leiblichen Abstammung von Muhammad und Ali verstanden wurde, welche Voraussetzung zur Eignung zum Imamat war, auch ganz einfach nur die Anhängerschaft Muhammads bedeuten kann. Al-Himyari leugnet nicht, dass es eine leibliche Nachkommenschaft des Propheten gab, verwies auch theologisch auf die Relevanz (Bedeutsamkeit, Wichtigkeit) der geistigen Nachfolge, welche ebenfalls die Zugehörigkeit zur Familie des Propheten begründe.
Es kann gut möglich sein, dass es in den beiden ersten beiden „dunklen“ Jahrhunderten des Islam eine Gruppe der Al Muhammad gegeben hat, die ursrünglich einfach nur Anhängerschaft eines nicht historischen, sondern mythischen Muhammad war und die dann im Zuge der weiteren Herausbildung des Muhammadmythos in eine leibliche Verwandtschaft umgedeutet wurde, deren echte Genealogien (Abstammungen) man nur ab einem bestimmten Punkt in wenigen Schritten mit dem angenommenen Religionsstifter verbinden brauchte. So konnten ganz einfach weit verzweigte Genealogien der Hasaniden und Husainiden entstehen, die bis zu einem gewissen Punkt sicherlich korrekt sind, aber ab einem bestimmten Zeitpunkt (vielleicht z.B. ab Ali Zainal'abidin oder Muhammad al-Baqir, vielleicht aber auch erst viel später) an eine erdachte Genealogie angeschlossen wurden.
Interessant ist dabei übrigens auch, dass man sich nur bei den fatimidischen Aliden die Mühe genauer Stammbäume gemacht hat, bei den übrigen Aliden oder gar Talibiden hat man sich nicht wirklich für eine Rekonstruktion der Stammbäume interessiert. Das ist logisch und folgerichtig, weil diese für die Theologie der Sia (und erst recht der Sunniten) weitgehend irrelevant waren und sich theologisch die Begrenzung der „heiligen Familie“ auf die Nachfahren Alis und Fatimas durchsetzte.
Eine weitere notwendige Bemerkung zur islamischen Überlieferung besteht darin, dass auch die Muslime immer wieder betont haben, aus welch riesigen Ozean von angeblicher Prophetenüberlieferung die großen Überlieferer ihr Material zusammengestellt haben. Es ist die islamische Überlieferung selbst, die die ungeheure Masse von Fälschungen betont. Aber selbst das Material, dass die Überlieferer dann tatsächlich nach Prüfung ihrer Sammlung aufnahmen, ist immer noch häufig widersprüchlich und nicht nur von westlicher Forschung, sondern innerislamisch heftig kritisiert worden.
Seien es in der Vergangenheit die Al ar-ra'y oder die Mu'taziliten und in der Neuzeit Kritiker wie Zayyed Ahmad Khan oder Mahmud Abbu Rayya, es gab auch innerhalb des Islam stets Personen und Gruppierungen die erkannt hatten, dass die Haditüberlieferung völlig unzuverlässig ist und die Methodik der Ahl al-hadit mittels der Tradentenkette die Spreu vom Weizen zu trennen, nicht funktionieren kann. Als sicherer Anker gilt ihnen der Koran. Da nur besteht das Problem darin, dass beim Wegfall der Zuverlässigkeit der islamischen Überlieferung jeglicher Anhaltspunkt für die Überlieferungsgeschichte des Koran ebenfalls wegfällt.
Dass der Koran allein auf Muhammad zurückgeht, versichert uns einzig und allein die islamische Überlieferung. Sollte Muhammad gar nicht existiert haben, kann der Koran selbstverständlich nicht von ihm stammen. Es ist denkbar, dass der Koran sehr früh entstanden ist und die Prophetenbiographie dann vielleicht wie ein Midrasch (wie eine Schriftauslegung) um den Text herumkomponiert wurde. Vielleicht aber sind auch Teile des Koran parallel zur Entwicklung einer Prophetenbiographie entstanden. Sure 33, Vers 40, wo Muhammad als hatam an-nabiyin (Siegel des Propheten) bezeichnet wird, scheint angesichts der deutlichen Evidenz (Klarheit), dass die ersten „Muslime“ noch kein Sendungsbewusstsein für eine neue Religion hatten (siehe unten) schwer auf einen eventuellen historischen Muhammad zurückzugehen, sondern sieht doch ganz nach einem theologischen Bekenntnis aus einer späteren Entwicklungsphase aus. Hier gibt es viele offene Fragen.
Wenn man weiß, mit welcher ungeheurer Energie und religiöser Phantasie der Prophet zur Projektionsfläche aller möglichen theologischen und juristischen Ansichten gemacht wurde, was aber soll einen dann noch sicher machen, dass nicht auch die Projektionsfläche selbst einst nur das Produkt religiöser Phantasie war. Jede Strömung hat in Theologie wie Recht dem Propheten und sonstigen Autoritäten alles das zugeschrieben, was sie selbst geglaubt hat. In bestimmten Texten, wie etwa dem Kitab al-Hugga in den usul al-kafi, ist dies auf den ersten Blick zu erkennen. Aber auch sonst wird jeder historisch-kritisch arbeitende Forscher in der islamischen Überlieferung schnell eine Projektion theologischer und juristischer Ansichten auf frühe Autoritäten erkennen.
Es sind außerdem dieselben Überlieferungskreise, die uns ganz offenkundig Unsinn überliefern, die uns auch das Material liefern, aus denen viele muslimische wie nichtmuslimische Wissenschaftler noch heute eine Biographie des Propheten meinen erarbeiten zu können. Wer sagt uns, dass die Higra nicht ebenso erfunden ist, wie die Legende von der Mondspaltung? Können wir etwas als historisch annehmen, nur weil kein Wunder in der Geschichte vorkommt. Der Islam steht in der Tradition des Alten und des Neuen Testaments und schon deshalb müssen wir ernsthaft in Erwägung ziehen, dass bei der Abfassung der islamischen Texte ähnliche Mechanismen der religiösen Mythenkonstruktion am Werk gewesen sind.
Die Entwicklung einer Religion ohne Gründungsfigur ist kein Problem. Nach meiner Auffassung hat sich auch das Christentum ohne historischen Jesus entwickelt. Natürlich weiß ich, dass ich dieses Argument hier nicht anbringen kann, da man mir entgegenhalten wird, die Ungeschichtlichkeit Jesu sei eine völlige Mindermeinung. Dass es eine Mindermeinung ist, ist mir bekannt. Deswegen muss sie aber nicht falsch sein. Nach meiner Auffassung sind die Argumente ihrer Vertreter überzeugend. Ich will an dieser Stelle, wo kein Raum dazu ist, die Geschichte des Frühchristentums nicht weiter berühren, wenngleich ich hier interessante Parallelen zum Frühislam sehe.
Ich bin wie der Theologe Raschke der Auffassung, dass das Christentum ursprünglich Gnosis ist. Jesus ist eine mythische Erlösergestalt, von den Gnostikern erfunden, um ihre Theologie mytisch-bildlich darzustellen und propagieren zu können. Auch beim Islam ist es meines Erachtens denkbar, dass die Figur Mohammeds als gnostische Umgestaltung der Jesusfigur aus einer arabisch-christlichen oder jüdisch-christlichen Gnosis entstanden sein könnte.(siehe dazu weiter unten die Ausführungen zu den Gulat)
Es gibt jedoch neben dem Christentum eine andere große Religion, die ohne historischen Stifter eine schnelle und weit reichende Verbreitung gefunden hat. Ich meine den römischen Mithraskult, dessen verblüffende Ähnlichkeit mit dem Christentum schon den Kirchenvätern bewusst war. Es gibt wohl niemanden, der die Existenz eines historischen Mithras behauptet. Trotzdem hat diese Religion innerhalb relativ kurzer Zeit eine enorme Verbreitung innerhalb des Römischen Reiches erlangt und war einer der großen Konkurrenten des Christentums. Für die Verbreitung einer Religion ist die religiöse Idee entscheidend, nicht ob eine Gründungsfigur dahinter steht.
Während nun die islamische Überlieferung schon zahlreiche Probleme in sich birgt, wird die bereits aus ihr resultierende Annahme, dass diese Geschichtsschreibung eine völlige theologische Konstruktion darstellt und nicht nur eine mit Legenden und Mythos angereicherte Wiedergabe eines historischen Kerns durch archäologische und außerislamische Zeugnisse weiter verstärkt. Daraus folgt nicht unbedingt die Nichtexistenz Muhammads. Die Existenz einer Person Muhammad bleibt trotzdem grundsätzlich denkbar, allerdings nur noch in einer Form, in der sie mit dem Muhammad der Überlieferung eigentlich nichts mehr zu tun hat. Patricia Crone und Martin Hinds haben in ihrem Buch „Gods Caliph“ folgende Feststellung getroffen:
„It is a striking fact that such dokumentary evidence as survives from the Sufyanid period makes no mention of the messenger of God it all. The papyri do not refer to him. The Arabic inscriptions of the Arab-Sasanian coins only invoke Allah, not his rasul; and the Arab-Byzantine bronze coins on which Muhammad appears as rasul Allah, previously dated to the Sufyanid period, have now been placed in that of the Marwanids. Even the two surviving pre-Marwanid tombstones fail to mention the rasul, though both mention Allah; and the same is true of Mu'awiyas inscription at Ta'if. In the Sufyanid period, apparently, the prophet had no publicly acknowledged rule.“ [7]
[7] Übersetzung (vom Blogbetreiber): Es ist eine auffallende Tatsache, dass es keine dokumentarischen Belege aus der Sufyanid-Periode gibt (Abu Sufyan, 560-650), die den Botschafter Gottes erwähnen. Die Inschriften berufen sich nicht auf ihn. Die arabischen Inschriften der arabisch-sasanidischen Münzen berufen sich nur auf Allah, nicht auf seinen Apostel (Gesandten Gottes); und die arabisch-byzantinische Bronzemünze, auf der Muhammad als Gesandter Gottes erscheint, die ehemals auf der Sufyanid-Periode datiert war, wurde jetzt auf die Zeit der Marwaniden (990-1096 n.Chr.) datiert. Auch die beiden aus der Vor-Marwanid-Zeit erhalten gebliebenen Grabsteine erwähnen nicht den Gesandten Gottes, obwohl sie beide Allah erwähnen, und das gleiche gilt für Mu'awiyas Inschrift am Ta'if. Im Zeitraum der Sufyanid hatte der Prophet keine öffentlich anerkannte Rolle.Es ist auffällig, dass die Muslime sehr lange gebraucht haben, bis sie die Formel: „Muhammad ist der Gesandte Gottes“ auf Münzen geprägt oder in Inschriften festgehalten haben. In einer auf das Jahr 64 datierten Inschrift aus Karbala (Irak) lernen wir die Formel „Herr (Raab) von Gabriel und Michael und Israfil.“ Es gibt mehrere arabische Inschriften mit Formeln wie z.B. „Gott (ilah) von Moses und Abraham“, „Herr (Raab) und Moses“ oder „Herr (Raab) von Jesus und Moses“. Die älteste Erwähnung der Formel „Muhammed rasul Allah“ findet sich auf einer Münze aus dem Jahr 66. Danach wird sie dann ständig verwendet. Es gibt ältere Münzen auf denen allein das Wort „Muhammad“ erwähnt wird. In Palästina fand man Münzen die wahrscheinlich in Amman geprägt wurden, auf denen auf einer Seite in arabischer Schrift das Wort „Muhammad“ zu lesen ist, während auf der anderen Seite ein Mann zu sehen ist, der ein Kreuz in der Hand hält.
Aus der Zeit des Abdalmalik b. Marwan existieren Münzen mit der Formel „Muhammad rasul Allah“, auf denen gleichzeitig ein Fisch, ein gängiges Symbol für Christus, abgebildet ist. Es gibt Bleibullen (Urkunden) aus der Zeit Abdalmalik b. Marwan, welche die Aufschrift „Filastin“ (Palästina) tragen. Darauf findet sich auch der Buchstabe Alpha, das Feld des Revers ist eventuell als Omega zu deuten, was dann zusammen ebenfalls ein Symbol für Christus wäre. Man würde bei einem muslimischen Herrscher Münzen mit der Aufschrift Makka (Mekka), Madina (Medina) oder vielleicht noch al-Quds (Jerusalem) erwarten. Palästina aber macht in einem damaligen Kontext keinen Sinn. Wir sind nicht in der Zeit der Kreuzzüge oder im 20. Jahrhundert, wo Palästina für die Muslime eine politische Symbolik bekommen hat. Für Abdalmalik kann Palästina nur eine theologische Bedeutung gehabt haben und die macht nur in einem christlichen oder jüdischen Kontext Sinn.
Selbstverständlich sind für die ursprüngliche Nichterwähnung des Propheten verschiedene Erklärungen möglich und sie ist auch kein Beweis für die Nichtexistenz eines historischen Muhammad, aber sie ist äußerst erstaunlich und wirft für den Fall der Existenz eines historischen Muhammad die Frage nach dessen Bedeutung der Urgemeinde auf. Innerhalb der islamischen Überlieferung findet sich hierzu insofern eine Parallele, als in der Literatur zur islamischen Rechtsmethodik als auch in der Literatur zur Methodik der Haditwissenschaft deutlich zu erkennen ist, dass für den früher Islam die Vorstellung von Muhammad als dem allein ausschlaggebenden Paradigma (Grund, Ursache) für die Gläubigen nicht die Rede sein kann.
Der Begriff der „Sunna“ (Verhaltens- und Lebensweise) war ursprünglich nicht allein für den Propheten reserviert. Er stellt sich unter anderem auch als ein Begriff für einen allgemeinen oder lokalen Konsens dar. Wenn Muhammad existiert hat, dann kann seine Bedeutung für die ersten Muslime schwerlich schon die gewesen sein, die ihm später islamische Theologie zugewiesen hat. Das aber bedeutet, dass die Religion des Islam, wenn es sie denn schon gegeben haben sollte, damals eine ganz andere gewesen sein muss, als die Religion des Islam, die wir später im 3. Jahrhundert kennen lernen.
Die Münzprägungen und Inschriften der Umayyadenzeit (661-750 n.Chr.) passen nicht zum Islam, wie man ihn aus dem 3. Jahrhundert (H) kennt und wie er angeblich in seinen wesentlichen Grundzügen schon seit Muhammad existiert haben soll. Mu'awiya (der Kalif der Umayyaden) etwa läßt eine Inschrift in griechischer Sprache anbringen, der ein Kreuz vorangestellt ist. Auch auf Münzen taucht das Kreuz auf. In einer christlichen Chronik wird gar berichtet, Mu'awiya habe in Golgota (hier wurde Jesus gekreuzigt) und Gethsemane gebetet (In Gethsemane betete Jesus in der Nacht vor seiner Kreuzigung.). Nichts deutet darauf hin, dass wir es bei Mu'awiya mit einem Muslim zu tun haben.
Man kann hier übrigens nicht mit der Argumentation vorgehen, die Sia habe ja schon immer behauptet, Mu'awiya sei eigentlich ein Heuchler und Ungläubiger gewesen. Die islamische Geschichtsschreibung, auch die von der Sia anerkannte, hat immer betont, dass Mu'awiya sich als Muslim dargestellt hat und es gut verstand, sich als solchen zu verkaufen. Die berühmte Geschichte mit den Koranseiten an den Lanzen bei Siffin stellt ihn ja gerade als einen Meister der Propaganda dar, der genau wusste, wie er sich nach außen religiös darstellen musste. Dieser Mu'awiya hat aber ganz offensichtlich auf jeglichen Hinweis zu seiner islamischen Religionszugehörigkeit auf Münzen und Inschriften verzichtet.
In Nordafrika ließ ein arabischer Statthalter gar in lateinischer Form auf Münzen drucken. Aus Musa b. Nusair wurde Mvse filius Nvsir. Während man dort auf Münzen jeglichen Hinweis auf Muhammead sogar bis in das Jahr 97 der arabischen Ära vermisst, werden unter islamischer Herrschaft die Münzen weiterhin mit lateinischer Aufschrift geprägt und es fanden sich sogar Münzen mit dem Abbild der Lokalgottheit Baal, geprägt unter islamischer Herrschaft. [8]
[8] Es sei daran erinnert, dass es im Islam, nach heutigem Verständnis, neben Allah keine anderen Gottheiten geben darf.In all ihren öffentlichen Bekundungen versuchen die frühen Umayyaden sich völlig oder weitgehend ihren Untertanen anzupassen. Sie verwenden religiöse Symbole des Christentums und sie benutzen neben dem Arabischen auch Griechisch, Latein und Mittelpersisch. Gleichzeitig sind sie offenbar bemüht, zu unterlassen, was sie als Anhänger einer neuen Religion identifizieren könnte. Dies passt überhaupt nicht zu der im islamischen Recht so betonten Notwendigkeit der Abgrenzung des Muslims vom Nichtmuslim bis hin etwa zur Kleidung [9], wobei diese starke Betonung der Abgrenzung vielleicht gerade als psychologischer Reflex auf eine ursprünglich bekannte Verbundenheit zu deuten ist. Es passt auch nicht in die Vorstellung, die uns die islamischen Quellen vermitteln, dass diese Menschen aller Welt eine neue Weltreligion verkünden wollen.
[9] Bereits 717 n.Chr. mussten die sogenannten Dhimmis, darunter versteht man Untergebene, Schutzbefohlene, gemeint sind hiermit Juden und Christen, unter Kalif Umar II. nicht nur Tribut zahlen, sondern auch besondere Kleidung tragen, die sie als Juden und Christen kennzeichnete. Dadurch entstand auch der sogenannte Judenstern.Die Münzen und Inschriften sind unvereinbar mit der islamischen Geschichtsschreibung. Wenn die frühen Inschriften und Münzprägungen islamischer Toleranz entstammen, dann bleibt zumindest evident (erkennbar), dass der Urislam sehr viel toleranter gewesen sein muss als der spätere Islam. Aber Toleranz für eine andere Religion ist die eine Sache, der Verzicht auf Symbolik für die eigene Religion, wie wir es in der Zeit Mu'awiyas sehen, eine andere Sache. Sollten die ersten Muslime in dieser Angelegenheit gleichgültig gewesen sein, dann stellt sich die Frage, warum ihnen dieselbe Angelegenheit später nicht mehr gleichgültig war. Völlig gleichgültig kann ihnen ihre Münzprägung aber nicht gewesen sein, denn immerhin haben sie den Herrschernamen auf Münzen geprägt. Wer im Lande das Sagen hatte, wollte man der Welt schon mitteilen.
Man kann es drehen und wenden wie man will: die frühen Inschriften und Münzen der arabischen Herrscher bieten zumindest Evidenz (den Nachweis) für deren Willen, sich nicht von ihren Untertanen abzugrenzen und diese Evidenz kongruiert (stimmt überein) auch mit dem Zeugnis der nichtislamischen Literatur aus dieser Zeit. Die Araber werden dort unter dem Aspekt der Herrschaft behandelt, nicht als Verkünder eines neuen Glaubens. Die Christen tragen weiter ihre alten dogmatischen Streitigkeiten untereinander aus, mit den Glaubensvorstellungen der Araber aber setzen sie sich kaum auseinander. Man hat nicht den Eindruck, die Araber hätten eine andere Religion oder seien daran interessiert, eine neue Religion zu verkünden. Karl-Heinz Ohlig hat gut aufgezeigt, dass dort, wo man in wenigen außerislamischen Zeugnissen einen Hinweis auf den Islam zu erblicken glaubt, dies eher dem Wunsch nach Harmonisierung mit der islamischen Geschichtsschreibung als echter Evidenz (Übereinstimmung) durch die Texte geschuldet ist, die zudem sehr unkritisch gelesen werden.
Auch die Tatsache, dass es in der Abbäsidenzeit (Abbasidenzeit = 750-1258) zu massiven Konversionen (Übertritten) zum Islam kam, impliziert, dass es zur Zeit der Umayyaden (661-750) noch gar keine islamische Religion gab, zu der man hätte konvertieren können. Die islamischen Quellen berichten davon, dass die Annahme des Islam das Eingehen eines Klientenverhältnisses mit einem arabischen Stamm beinhalte, was für den Klienten zunächst einmal eine Demütigung und Herabsetzung bedeute, da man als Klient nicht besonders angesehen war. Das Klientensystem wäre ohne Zweifel keine gute Werbemethode für eine neue Welreligion gewesen. Offensichtlich ging es dabei weniger um die Annahme eines Glaubens als um die Aufnahme in eine bestimmte Bevölkerungsgruppe oder Bevölkerungsschicht. In Transoxianien (Usbekistan) bezeichnete man die Konversion zum Islam als „zum Araber werden“.
All diese Fakten kann man sicherlich unterschiedlich interpretieren, insbesondere hinsichtlich ihrer Aussagekraft bezüglich der Existenz Muhammads. Eines scheint mir wirklich jedoch evident (ersichtlich) zu sein: die Araber haben sich nicht als Träger einer neuen Weltreligion verstanden und schon dieser Punkt lässt die islamische Geschichtsschreibung als äußerst fragwürdig erscheinen, denn sie ist Heilsgeschichte, die bereits bei Muhammad selbst und dann bei seinen Nachfolgern das Bewusstsein einer neuen Weltreligion behauptet. Die Araber seien aus Arabien in die Welt gezogen, um den Menschen zu verkünden, dass nunmehr Gott zum letzten Mal einem Propheten seine Botschaft gebracht und die menschliche Heilsgeschichte nunmehr ihren Höhepunkt erreicht habe.
Alle Menschen müssten nun diese letzte Botschaft und den letzten Propheten anerkennen. Wäre das wirklich das Selbstverständnis der Araber des 1. islamischen Jahrhunderts gewesen, dann hätten die Andersgläubigen davon etwas bemerken und dann hätte sich dies selbstverständlich auch auf Münzen oder Inschriften manifestieren müssen. Außerdem hätten andere Religionsgemeinschaften auf Bekehrungsversuche sicherlich mit einer intensiven Auseinandersetzung mit dem neuen religiösen Rivalen reagiert.
Selbst wenn die Araber sich schon als religiös verschieden von ihren Untertanen betrachtet haben sollten und selbst wenn sie schon eine neue Religion namens Islam hatten, wofür außerhalb der islamischen Überlieferung zunächst nichts spricht, dann haben sie diese nicht als neue Weltreligion begriffen und sie hatten kein Bedürfnis, sich von den Christen abzugrenzen und sie waren nicht darauf aus, Konvertiten zu gewinnen. Wenn es schon den Islam gegeben haben sollte, dann gab es einen Islam, der völlig anders gewesen sein muss, als wir ihn später im dritten Jahrhundert (H) kennen lernen.
Aus archäologischer Sicht sieht es zudem nicht so aus als habe es jemals eine Eroberung Syriens und Palästinas durch die Araber gegeben. Es fand offensichtlich ein Machtwechsel ohne Eroberung statt. Die Stadt Mekka und die Qurais (der Stamm in Mekka, dem auch Muhammad entstammen soll) werden in der vorislamischen Überlieferung außerhalb Arabiens nicht erwähnt, obwohl die Quellen dort sehr wohl über Arabien informiert sind und berichten. Dies spricht nicht für die Entstehung eines Islam im Higaz [10] und eine von dort ausgehende Eroberungswelle muslimischer Krieger, die ihren Glauben in die Welt verbreiten wollten.
[10] Higaz ist anderer Name für Hedschas. Der Hedschas (arabisch: al-Hidschaz, al-Higaz) ist eine Landschaft im westlichen Saudi-Arabien, zu dem auch die Städte Mekka und Medina gehören.Mu'awiya ist aus archäologischer Sicht der erste arabische Herrscher und dieser Muawiya hat mit dem Mu'awiya der islamischen Überlieferung nichts gemeinsam außer den Namen. Die ersten vier (rechtgeleiteten) Kalifen (die im Islam eine sehr große Bedeutung haben) existieren nur in der religiösen Überlieferung des Islam. Mit der Welt des frühen Islam verhält es sich wie mit der Welt des Abraham, Moses, David, Salomon oder Jesus. Sie hat niemals außerhalb der religiösen Überlieferung existiert.
Die islamischen Quellen berichten, der Prophet Muhammad hätte im Jahre 622 n.Chr. eine Auswanderung seiner Gemeinde von Mekka nach Medina vollzogen und der zweite Kalif Umar b. al-Hattab habe dieses Datum zur islamischen Zeitrechnung gemacht. Die arabische Zeitrechnung aber ist ursprünglich nur „das Jahr nach den Arabern“ und in zwei christlichen Quellen wird erwähnt, damit sei der Beginn der arabischen Herrschaft gemeint. Somit stellt sich die Frage, ob die Higra (Higra = Hidschra = die Auswanderung Mohammeds von Mekka nach Medina) wirklich historisch ist.
Angesichts des Fehlens archäologischer Zeugnisse für eine Eroberung Syriens und Palästinas, und angesichts einer ursprünglich arabischen Zeitrechnung, die nicht nach der Higra ausgerichtet war, sowie angesichts des Fehlens von Beweisen für das Vorhandensein einer neuen Religion der Araber ist die von Popp gegebene Erklärung, das Jahr 622, in welchem die Byzantiner die Sassaniden (das zweite persische Großreich) schlugen (der Koran nimmt in Sure 30, Vers 3-5 darauf Bezug), sei das Jahr, in dem christliche Araber den Beginn ihrer Autonomie begründet sahen, ziemlich plausibel.
Kein Prophet wird so oft im Koran erwähnt wie Moses und die muslimische Tradition hat immer die große Ähnlichkeit zwischen Moses und Muhammad betont. Schon dem Propheten (Muhammad) selbst ist dieser Vergleich in den Mund gelegt worden. Das zentrale Ereignis im Leben des Moses ist aber der Exodus der unterdrückten Kinder Israel aus Ägypten (die Flucht der Juden aus Ägypten) und das zentrale Ereignis im Leben Muhammad ist der Exodus seiner unterdrückten Gemeinde von Mekka nach Medina. Hier liegt angesichts der bereits erwähnten sonstigen Anhaltspunkte für die Ungeschichtlichkeit der islamischen Überlieferung, der Verdacht sehr nahe, dass die Higra nur deswegen in der Geschichte des Propheten vorkommt, weil dessen Gestalt der Gestalt des Moses nachgebildet werden sollte.
Nach der Higra betritt Mohammad, im Gegensatz zu Moses, der vorher stirbt, selbst das Land der Verheißung (Medina), und übernimmt damit die Rolle des erobernden Josua [11]. Die dortigen Juden (in Medina) werden somit die Kanaaniter (die Feinde) des Islam. Interessant ist dabei festzustellen, dass bisher bei Ausgrabungen dort (in Medina), wo die islamische Geschichtsschreibung jüdische Siedlungen behauptet, keine Spuren jüdischer Siedlungen gefunden wurden. Dies deckt sich auch mit dem Befund der jüdischen Quellen, denn diese wissen nichts von Juden in Higaz. (Higaz ist anderer Name für Hedschas. Der Hedschas (arabisch: al-Hidschaz, al-Higaz) ist eine Landschaft im westlichen Saudi-Arabien, zu dem auch die Städte Mekka und Medina gehören.)
[11] Josua, der Sohn Nuns, ist in der Bibel der Nachfolger Moses, führte die Israeliten bei der Eroberung des Landes Kanaan (Teil des heutigen Israel) an. Moses nimmt seinen Diener Josua auch mit auf den Berg Gottes um die Gesetzestafeln zu empfangen.Josua aber ist in einer gnostischen Sichtweise Jesus und so sieht ihn auch Origenes (christlicher Theologe und Gelehrter). Die Jesusgestalt ist aber auch als neuer Moses gesehen worden. Der Bezug (die Parallele) Muhammads zur Gestalt Jesus wird in der islamischen Tradition über seine (Muhammads) Tochter Fatima hergestellt, die mit Maria identifiziert wird. (Die siitische (schiitische) Tradition nennt sie Maryam al-kubra.) Die Linie Isis-Maria-Fatima ist von der Forschung längst erkannt.
Mit der Einnahme Mekkas (im Jahre 630) schließlich kehrt Muhammad zu seinem Ausgangspunkt zurück. Dabei haben wir die für viele Mythen typische Zirkelstruktur in der Anfang und Ende identisch sind. Diese gnostische Zirkelstruktur steht für die Vorstellung, dass die Seele zu ihrem Ursprung zurückkehrt. Sie ist von ihrem Ursprung getrennt und muss nun für ihre Erlösung dorthin zurückkehren. Auch in der islamischen Gnossis ist diese Rückkehr zum Ursprung immer bekannt gewesen. Sadraddin as-Zirazi (1571-1640 n.Chr.) schreibt in „al-Mabda was-I-ma'äd“ bezogen auf die Reise der Seele: „Das Ende ist die Rückkehr zum Anfang.“
Der Mythos von Muhammad, wie er in der Sira (Prophetenbiographie) dargestellt ist, könnte das Produkt einer Gnosis sein, die ihre Theologie in einem eigenen neuen Mythos mit neuem Protagonisten präsentieren wollte, der aber eigentlich der alte Protagonist (Moses, Jesus) ist, denn für Gnostiker war stets klar, dass es hier nicht um eine historische Wahrheit geht, sondern um Theologie. Moses, Jesus und Muhammad wären nur unterschiedliche Bezeichnungen für den einen mythischen Helden oder Gottessohn, der immer wieder als Mythos eine spirituelle Lehre verbildlichen soll.
Es ist also festzuhalten: Die Informationen ausserhalb der islamischen Quellen sprechen gegen die Sira. Die Sira selbst entspricht in ihrer Grundstruktur bekannten Mythen und ihre Informationen sind auch sonst unglaubwürdig (zu den vielen Einzelheiten der Unglaubwürdigkeit der Sira sei hier auf die Darstellung von Jansen verwiesen; generell zum Problem der Quellen siehe auch die Darstellung von Patricia Crone.)
Damit bin ich nun bei der Frage nach der Rolle der frühislamischen Gnosis angelangt. Die islamischen Häresiographen [12] berichten uns von der Existenz einer frühislamischen Gnosis. Obwohl diese Gnosis bereits Ende des dritten islamischen Jahrhunderts weitgehend verschwunden war, berichten die Häresiographen umfangreich über dieses Phänomen, dass natürlich als Irrlehre und Abweichung vom Glauben des Propheten dargestellt wird. Schon diese Aufmerksamkeit, die diesem Phänomen (Gnosis), das nach Ansicht der späteren Häresiographen nicht einmal als Islam gewertet werden konnte, gewidmet wurde, ist verdächtig. In der Tat weicht der Glaube der sogenannten Gulat [13] von der späteren islamischen Glaubensvorstellung erheblich ab. Trotzdem scheint man sich bewusst gewesen zu sein, dass dieses seltsame Phänomen für den Frühislam sehr bedeutsam gewesen sein muss.
[12] Islamische Häresiographen beschäftigen sich mit den vom Islam abweichenden religiösen Lehren, die aber mit dem Islam in Konkurrenz stehen. In diesem Fall also mit der Gnosis.In der islamischen Gnosis erscheinen Muhammad und ebenso Ali, Fatima, Hasan und Husain auch als kosmische Kräfte. Al-As'ari erwähnt, das der Gnostiker Abu Mansur al-Igli die Auffassung vertrat, dass Gott als erstes Jesus erschaffen habe und dann Ali. Hier steht offensichtlich noch der kosmische Christus. Wenn am Anfang des Islam eine christliche Gnosis gestanden hat, dann könnte es sein, dass der kosmische Christus im arabischen Bereich zunächst als Muhammad unbenannt worden ist und dieser kosmische Muhammad dann als Neuauflage von Moses und Josua (=Jesus) im Mythos eines arabischen Propheten präsentiert wurde. Gnostiker haben ohnehin immer gewusst, dass es sich dabei um mythische, nicht um historische Gestalten gehandelt hat und waren stets sehr phantasievoll, wenn es darum ging, ihre Theologie in mythischer Form zu repräsentieren.
[13] Der Gulat scheint eine mit dem Islam konkurrierende gnostische Religion gewesen zu sein. Die späteren muslimischen Häresiographen stellen die Gulat als eine häretische (ketzerische) Abweichung vom Islam dar. Warum sollen wir ihnen das glauben? Das Schrifttum der Gulat ist verloren gegangen. Wir kennen nur noch die Version der Geschichte, wie sie die späteren Sieger erzählen und diese Version ist natürlich Theologie.
Wenn mit Muhammad eigentlich Jesus gemeint ist, dann würde sich auch der insbesondere in der Sia (Sira?) erhaltene seltsame Beiname der Fatima erklären: umm abiha = die Mutter ihres Vaters. Die Gleichung Fatima=Maria wird wohl nicht zu leugnen sein. Wenn nun auch die Gleichung Muhammad =Jesus stimmt, dann läßt sich umm abiha im Sinne dieser gnostischen Gleichungen auflösen. Fatima (Maria?) ist als Fatima im neuen Mythos die Tochter Muhammads, aber als Maria im alten Mythos die Mutter Jesus. Also ist sie gleichzeitig die Mutter ihres Vaters.
Die „Heilige Familie“ besteht im Islam ursprünglich aus Muhammad, Fatima, Ali, Hasan und Husain und bildet damit eine für viele gnostische Systeme typische Pentade (Fünfergruppe). Aber auch hier gilt: Unterstellt, eine solche von mir vermutete Gleichung liegt dem Muhammadmythos tatsächlich zu Grunde, dann bleibt immer noch die Frage, ob hier nicht eine ursprünglich historische Figur vielleicht nur mythisch überarbeitet wurde. Ich halte dies zwar für wenig wahrscheinlich, aufgrund der vorliegenden Faktenlage aber auch nicht für ausgeschlossen. Umgekehrt gibt es aber auch die Feststellung, dass ein eventueller historischer Muhammad mit dem Muhammad der (islamischen) Überlieferung wohl nur wenig oder gar nichts gemein hatte.
Damit wäre der Muhammad des islamischen Glaubens trotzdem eine mythische, eine unhistorische Figur, selbst wenn es Muhammad tatsächlich gegeben haben sollte. Dass außerdem bei der Entstehung des Islam, wie auch bei der Entstehung einer jeden anderen Religion, bestimmte Menschen sicherlich eine besondere Rolle gespielt haben müssen und dass auch die Texte des Koran auf bestimmte Autoren zurückgehen müssen, ist selbstverständlich. Nur können wir über diese realen Menschen nichts mehr wissen.
Schon Arthus Drews (deutscher Philosoph und Schriftsteller, 1865-1935) hat bezüglich der Geschichtlichkeit Jesu auf die psychologische Seltsamkeit hingewiesen, dass bereits so kurz nach dem Leben eines angeblich historischen Jesus die Lehre des Doketismus [14] ( er geht konkret auf die markionitische Variante ein, nach der Jesus nur einen Scheinkörper gehabt habe), wie auch die Vergöttlichung Jesus nicht nur im Sinne eines Kultes mit Anbetung, sondern mit der Identifizierung Jesu mit einem kosmischen Prinzip, schnelle Verbreitung fand. Eben diese Frage stellt sich auch auf einen historischen Muhammad oder Ali. Wenn diese Personen wirklich gelebt haben, was hat dann, bei Ali nach einer Überlieferung angeblich sogar noch zu Lebzeiten, Menschen nach so kurzer Zeit dazu bewogen, diese für kosmische Kräfte zu halten?
[14] Der Ausdruck Doketismus bezeichnet die Lehre, Jesus Christus habe nur scheinbar einen physischen Körper gehabt.Natürlich muss man bei der menschlichen Psyche auf alle Absurditäten gefasst sein, aber dass so ein Prozess, zumindest bei größeren Gruppen von Gläubigen, eher einen längeren Zeitraum in Anspruch nimmt und nach größerem zeitlichen Abstand von der historischen Figur entsteht, wäre doch psychologisch sehr viel besser zu verstehen und weitaus wahrscheinlicher. Es bleibt extrem merkwürdig, dass wir im frühesten Islam Lehren über einen als göttlich oder als kosmische Kraft aufgefassten Muhammad oder Ali finden und sich später die Lehre vom einfachen Menschen Muhammad durchsetzte.
Allerdings hat sich in der Mystik die Lehre vom „kosmischen Muhammad“ als Lehre über den vollkommenen Menschen das Licht Muhammads oder die Realität Muhammads erhalten. Im Prinzip hat sich eigentlich nur die Terminologie etwas verändert. Für den späteren Islam war die Verwendung der Wörter „Gott“ und „göttlich“ natürlich problematisch. Die Gnosis verwendet diese Begriffe im antiken Sinne, h.h. die Begriffe „Gott“ und „göttlich“ finden für den gesamten Bereich des Geistlichen Verwendung und die diesen symbolisierenden Gottheiten und Göttersöhne. Der Philosoph Maximus von Tyrus [15] schrieb: „Die eine Doktrin, über die alle Welt sich einig ist, besteht darin, dass ein Gott König von allem und Vater ist, und dass es viele Götter gibt, Söhne Gottes, die zusammen mit Gott regieren. Das glauben sowohl die Griechen als auch die Barbaren.“
[15] Maxĭmus von Tyrus, lehrte um 155 n. Chr. in Rom, daß die Dinge in der Welt von den Pflanzen bis zu Gott eine Stufenleiter bilden und daher, wie zwischen den Pflanzen und den Menschen die Tiere, so zwischen den Menschen und der Gottheit die Dämonen als Mittelstufe eingeschoben werden müßten. (Soviel zu den Philosophen.)Man muss wissen, dass der Polytheismus (das Glauben an viele Götter) der Antike von den Gebildeten allegorisch (sinnbildlich) verstanden wurde. Die alten Ägypter haben schon im 2. Jahrtausend vor Christus ihre Mythen allegorisch ausgelegt und die Götter der Mysterien wurden ebenso allegorisch gedeutat. Salustius (römischer Philosoph, 430 n.Chr. aus Syrien) etwa schrieb, dass die Geschichte des Attis (der Sohn der Flussnymphe Nana) einen ewigen kosmischen Prozess repräsentiere.
In der Antike gab es die Vorstellung eines Gottes, aus dem alles andere hervorging, entweder als Emanation (aus einem göttlichen Ursprung) oder pantheistisch gedacht. (Gott ist eins mit dem Kosmos und der Natur, und damit auch im Inneren des Menschen zu finden) Die Lehre des Plotinus, wonach alles Emanation aus dem „Einen“ ist, gab es auch im alten Ägypten. Assmann verwendet hierfür den Begriff „creatio ex deo“. Die Emanationslehre ist im Islam von Philosophen wie al-Farabi (870-950) und Sihabaddin Yahya as-Surawadi (1154-1191) übernommen worden und sie liegt auch der Lehre von wahdat al-wugut (Einheit des Seins) zugrunde, welche in der islamischen Mystik verbreitet ist. In der ganzen Antike finden wir die Vorstellung, dass Gott die sichtbare Welt zum Körper hat und sie von innen beseelt. Dieser Gedanke wird auch von Ibn 'Arabi (1165-1240) ausgedrückt. Er schrieb: „Sein (Gottes) Verhältnis zu dem, was sich manifestiert zu den Formen der Welt, ist das Verhältnis des lenkenden Geistes zur Form.“
Für die Lehre von wahdat al-wugut ist alles eine Manifestation Gottes. In all diesen Lehren gibt es im Islam eine Fortsetzung der Antike. Für den Islam war aber der antike Sprachgebrauch unannehmbar. Der Begriff „Gott“ war allein dem „Einen“ vorbehalten. Ebenso durfte allein das „Eine“ angebetet werden. Zumindest der Schritt, den Begriff „Gott“ nur für das „Eine“ zu verwenden, war in der frühislamischen Gnosis noch nicht vollzogen, sondern folgte erst in der islamischen Mystik. Die Verwendung des Begriffs „Gott“ finden wir in der islamischen Gnosis in der Tradition der antiken Gnosis, vielleicht aber gab es sogar noch Anbetung von etwas anderem als den „Einen“.
In der Existenz einer frühislamischen Gnosis, die in der Tradition einer antiken Gnosis stand und deren Gedanken später in eine islamische Mystik transformiert wurde, liegt ein westlicher Grund für meine Tendenz zur Nichtexistenz eines historischen Muhammad. Es scheint mir psychologisch schwer erklärbar, wieso eine Gleichsetzung eines historischen Muhammad mit einer kosmischen Größe so schnell Erfolg haben konnte. Im Gegensatz zu Jesus aber, wo ich nirgendwo in der frühchristlichen Literatur einen Ansatz dafür sehen kann, dass die frühen christlichen Autoren in dieser Gestalt jemals etwas anderes als einen Mythos gesehen haben, bleibt bei Muhammad ein Zweifel bestehen, ob hier nicht doch die frühislamische Gnosis reale historische Gestalten als Projektionsfläche ihres Mythos genutzt hat, denn unser Überlieferungsmaterial ist zu dünn, um diese Variante völlig auszuschließen bzw. unsere Quellen sind zu spät verfasst.
Die Entstehung des Islam aus einer christlichen oder jüdisch-christlichen Gnosis scheint mir sehr wahrscheinlich und ich sehe im Koran, unabhängig von der Frage, wer der Verfasser ist, einen gnostischen Text. Auch wenn es einen historischen Muhammad gegeben haben sollte und der Koran auf ihn zurückginge, scheint mir die gnostische Position deutlich. Schon die Darstellung Jesu im Koran ist bezeichnend. Der Koran lehrt den Doketismus (Jesus habe nur scheinbar einen physischen Körper gehabt) und sieht in Jesus Gott. Eigentlich werden im Koran von Jesus nur Wundergeschichten erzählt.
Die Struktur des Koran macht es deutlich, dass es in den Prophetengeschichten nicht um Geschichte im modernen Sinne geht, sondern um Theologie, die in Mythos verpackt wird. Der Koran kümmert sich nicht sonderlich um Orts- oder Zeitangaben. Wozu auch, denn Mythos ist zeitlos. Wenn der Koran etwa Pharao (Könige des alten Ägypten, 3150-330 v.Chr.) und Haman (Haman ist eine der zentralen Figuren im Alten Testaments, etwa 400 v.Chr.) zusammen erwähnt, dann sollte man nicht davon ausgehen, dass der Autor mit der Chronologie durcheinander geraten ist. Er wird sich etwas dabei gedacht haben, diese beiden Figuren zusammen zu präsentieren und das hat nichts mit Geschichte im Sinne histotischer Wahrheiten zu tun. Ein Gnostiker kann seinen Mythos ständig umschreiben, wie es auch Josua mit Jesus identifizieren kann.
An dieser Stelle muss noch erwähnt werden, dass es in der islamischen Häresiographie (Erforschung der Andersgläubigkeit) keine einheitliche Auffassung davon gibt, wer genau alles unter dem Begriff Gulat fällt. So wird manchmal die Kaisaniya, jene siitische (schiitische) Gruppierung mit den seltsamen Verbindungen zu den frühen Abbasiden (die Abbasiden sind eine islamische Dynastie (750-1258), die nach der Dynastie der Umayyaden folgte (661-750)) und zur frühen Mu'tazila [16], ebenfalls zu den Gulat gezählt. Auch die bereits erwähnten frühen Rawafid, wie etwa Hisam b. al-Hakam weisen in ihrem Gedankengut, wie es die Häresiographen überliefern, eine gewisse Nähe zu den Gulat auf.
[16] Die Muʿtazila, ist innerhalb der islamischen Theologie eine rationalistisch ausgerichtete Schule, die im 8. bis 9. Jh. am einflussreichsten war.Eine zu den Gulat gezählte Persönlichkeit wie Gabir al-Gu'fi gilt heute selbst bei Zaiditen (islamische Rechtsschule) als angesehener Si'it. Nicht nur die Tatsache, dass man sich in der Häresiographie der Gulat so ausführlich erinnert, auch die Tatsache, dass trotz der späteren klaren Distanzierung der Sia (der Prophetenbiographie) von den Gulat eine ursprüngliche Verbindung zwischen den Gulat und der übrigen Sia in der Überlieferung immer noch spürbar ist, lässt erkennen, dass das Phänomen der Gulat bei der Entstehung des Islam eine wichtige Rolle gespielt haben muss. Die späteren Häresiographen stellen die Gulat als eine häretische Abweichung von einer ursprünglichen Lehre dar. Warum sollen wir ihnen das glauben? Nichts spricht dafür, dass sie uns Geschichte überliefern. Das Schrifttum der Gulat ist verloren gegangen. Wir kennen nur noch die Version der Geschichte, wie sie die späteren Sieger erzählen und diese Version ist natürlich Theologie.
Die Bedeutung von Wortspielen in der Konstruktion biblischer Texte ist bekannt. Auch für die relevanten Texte des Islam sollte man hier eine genaue Untersuchung durchführen. In einer siitischen Quelle etwa wird dem Propheten in den Mund gelegt, dass der Ort Karbala (ein Gouvernement südwestlich von Bagdad, die Hauptstadt ist Kerbela) ein Ort von Kummer und Heimsuchung sei. Weiß man um die Bedeutung solcher Wortspiele und weiß man, dass die islamische Geschichte ebenso Heilsgeschichte ist wie Altes und Neues Testament, dann haben wir allen Grund anzunehmen, dass hier nicht ein Wortspiel mit einem Ort durchgeführt wurde, an dem ein tatsächliches Ereignis stattgefunden hat, sondern wahrscheinlich von religiösen Dichtern ein Ort als Kulisse ausgewählt wurde, weil sein Name an Worte erinnert, die genau das beschreiben, was dort gemäß dem religiösen Drehbuch stattgefunden haben soll.
Alle hier angeführten Punkte reichen meines Erachtens nicht aus, um mit Sicherheit die Nichtexistenz Muhammads zu belegen. Sie reichen aber umgekehrt völlig aus, um die Geschichtlichkeit Muhammads in Frage zu stellen. Vor allem aber machen sie deutlich, dass die islamische Überlieferung Heilsgeschichte ist und als Geschichtsquelle nichts taugt. Damit stellt sich die Frage nach der Bedeutung Muhammads für die islamische Theologie.
Quelle: „Islamische Theologie ohne historischen Muhammad“
Soweit der Text von Sven Kalisch. Dies sind die ersten 18 Seiten seines 30-seitigen Aufsatzes. Zuletzt war der Text nicht immer leicht verständlich, jedenfalls für den, der sich nicht so gut mit den religiösen Strömungen der vorislamischen Zeit und in der Zeit während der Entstehung des Islam auskennt. Auch ich habe mitunter meine liebe Mühe gehabt, die unterschiedlichen islamischen Strömungen einzuordnen. Ab Seite 18 wird es allerdings wieder interessant. Dort stellt Sven Kalisch nämlich die Frage, was die historisch-kritische Forschung für die islamische Theologie bedeutet?
Ich finde es wird höchste Zeit, dass der Islam mit wissenschaftlichen Methoden erforscht wird. Wer sich dagegen allerdings am meisten sträubt, sind die Muslime. Beim Islam geht es also gar nicht in erster Linie darum, die historische Rolle Mohammeds mit wissenschaftlichen Methoden zu erforschen, sondern es geht rein um das Machtstreben der fundamentalen Muslime. Jeder, der es wagt, den Islam mit wissenschaftlichen Methoden zu untersuchen, muss um sein Leben fürchten. Das zeigt, wie ängstlich die Muslime in Wirklichkeit sind. Sie haben vor nichts mehr Angst, als dass das ganze islamische Lügengebäude zusammenbrechen könnte. Wenn ich mir anschaue, was sich heute im Studiengang „Islamwissenschaft“ abspielt, dann kann ich nur die Hände über den Kopf zusammenschlagen. Was dort betrieben wird hat mit Wissenschaft überhaupt nichts zu tun. Ein Student der Islamwissenschaft hat darüber einmal einen sehr interessanten Bericht geschrieben, den ich gerne hier einfügen möchte.
Die Realität an den deutschen Universitäten sieht leider etwas finster aus. Zumindest im Studienfach Islamwissenschaft. Dort ist nämlich von wissenschaftlicher Scholastik nicht viel vorzufinden. Wie die Situation an deutschen Universitäten im Studienfach Islamwissenschaften aussieht, beschrieb ein Student der Islamwissenschaft wie folgt:
Leider gibt es an den islamwissenschaftlichen Seminaren in Deutschland haufenweise Deppen wie Heine, die seit Jahren nicht anderes machen als den Islam schönzureden und jeden Studenten, der es wagt, eine islamkritische Meinung zu äußern, kaltzustellen.Das nennt sich also heute Islamwissenschaft. Mit anderen Worten, an deutschen Universitäten wird keine Wissenschaft betrieben, sondern dort werden unerwünschte Äußerungen mit der Nazikeule zum Schweigen gebracht. Hilft auch das nicht, dann werden andere Methoden eingesetzt, um den Störenfried zum Schweigen zu bringen. Ich finde so etwa erbärmlich. Noch vor einigen Jahren wäre so etwas an deutschen Universitäten nicht denkbar gewesen.
Flankiert wird das Ganze von einem geisteswissenschaftlichen Umfeld, für das die Gleichwertigkeit aller Kulturen und Religionen das zentrale Dogma ist. Wer etwas anderes äußert, ist ein Rassist und Nazi und sofort beginnen die Mechanismen der sozialen Isolierung eines jeden, der „rechtes Gedankengut“ äußert, zu wirken.
Wenn jemand sich trotzdem nicht davon abhalten lässt offen seine Meinung zu sagen, beginnt früher odeer später das Mobbing. An vorderster Front stehen dabei orthodoxe und fundamentalistische Muslime, die es überall in der Islamwissenschaft gibt und die natürlich geduldet werden, man will ja den „Dialog mit dem gemäßigten Fundamentalisten“.
Die Professoren schauen weg und lassen diese Muslime die Decksarbeit machen. Opfer sind oft auch Aleviten, Iraner der zweiten Generation, die meist wenig mit dem Islam am Hut haben und andere Studenten mit muslimischen Hintergrund, die kritische Fagen stellen.
Nach außen hin setzt man sich für einen „weltoffenen Islam“ ein, in Wirklichkeit jedoch funktioniert das Bündnis der Linksgrünen mit den Orthodoxen und Islamisten aber wunderbar.
Konkret darauf angesprochen, wie man als Professor dieses Mobbing dulden könne, bekam ich zur Antwort, man müsse den antimuslimschen Rassimus und die Islamophobie bekämpfen. Dazu kommen die gängigen alt-68er Phrasen vom „Kampf gegen Rechts“ und dass die Muslime die Juden von heute seinen, und so weiter und so fort.
Abgesehen von wenigen integren Islamwissenaschaftlern, wie Tilman Nagel oder Ursula Spuler-Stegemann, beide schon über der Pensionsgrenze, ist die heutige Islamwissenschaft Teil des Problems Islam und keineswegs Teil einer Lösung.
Der Tübinger Professor Heinz Halm war beispielsweise eine treibende Kraft hinter der Feindbild-Islam-Kampagne, die Anfang der 90er Jahre in den Medien gestartet wurde.
Die heutigen Tübinger Islam-Professoren, die in der Tradtion Halms stehen, verbreiten natürlicher lieber die krasseste Islam-Apologetik (Verteidigung, Rechtfertigung), als zuzugeben, dass man sich damals total geirrt hat.
Dazu kommt die tiefe emotionale Verbundenheit von vielen alt-68er Professoren mit der iranischen Revolution, die dazu führt, dass bis heute übelste Ahmedinejad-Anhänger im Lehrkörper bei allem, was sie tun, gedeckt werden. Das Ganze ist nur noch zum Kotzen!
Hier noch eine interessante Information aus Münster von johannwi vom 21.10.2010:
Universität Münster lädt Top-Islamisten zu Gastvortrag ein:
<>Im internationalen Zentrum der Uni Münster findet nächste Woche eine „Islam-Woche“ statt, bei der u. a. einer der einflußreichsten Islamisten Deutschlands auftritt: Ibrahim El-Zayat. (Quelle: Muslimische Studiengemeinschaft) Ibrahim El-Zayat hat eine sehr bewegte (islamistische) Vergangenheit. Man kann es HIER nachlesen. Selbst Innenminister de Maiziere wollte ihn nicht mehr in der Islamkonferenz haben, wohin El-Zayat sowieso unter Schäuble nur als nichteingeladener Teilnehmer auf dem Ticket von Axel Ayub Köhler gelangte.
Die Universität Münster wird demnächst die allseits bejubelte „Imam-Ausbildung“ beginnen: Wenn jetzt aber offiziell einer der Top-Islamisten dort zu Vorträgen eingeladen wird, kann man sich denken, in welche Richtung die „Imam-Ausbildung“ laufen wird. Oder vielmehr: Wer von den zukünftigen Imamreligionslehrern überhaupt mit dem Segen der Islamverbände unterrichten darf, wird auch von Islamisten wie El-Zayat bestimmt werden.
Bemerkenswert ist auch, dass ausgerechnet der Integrationsrat (!) der Stadt Münster ganz offiziell die Einladung von El-Zayat unterstützt, wie der Ankündigung zu entnehmen ist. Hier wird der Vorgang dann völlig absurd, denn mit der Einladung eines gefährlichen Islamisten fördert der „Integrationsrat“ der Stadt Münster genau das Gegenteil von „Integration“. Wer also noch Belege für die mehr oder weniger „schleichende“ Islamisierung haben möchte, schaue einfach nach Münster.
Mit anderen Worten, wieder einmal kriechen deutsche Politiker und Professoren den Muslimen in den Allerwertesten.
Soeben gefunden:
Uni Münster sagt „Islam-Woche“ ab. Nachdem u. a. bei PI auf islamistische Gäste hingewiesen worden war, die dort Vorträge halten sollten, hat man jetzt reagiert. Auch der Integrationsrat der Stadt Münster, der die Veranstaltung unterstützt, hat sich distanziert: Islamwoche in Münster findet nicht statt
Die Anmerkungen [1] bis [16] sind vom Blogbetreiber.
Siehe auch:
Bert Conrados: Auszug aus dem Buch „Die islamische Ideologie“
Armin Geuss: Die Krankheit des Propheten
Tilman Nagel: „Mohammed ging es immer auch um Macht“
Geert Wilders: Es ist an der Zeit, Mohammed zu demaskieren
Daniele Dell'Agli: Sie ertragen das wahre Gesicht Mohammeds nicht
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2 Kommentare:
Die Nichtexistenz Mohameds ist ein Faktum.
Ich kann versichern, dass der prominenteste deutsche Islamforscher vor kurzem im privaten Kreis dieselbe Überzeugung äusserte, auch wenn er offiziell nichts dergleichen sagt (das Lebenswerk vieler Leute wäre zerstört).
Gute Zusammenfassung des Stands der Dinge in Pressburg, Good Bye Mohammed.
Man nehme nur 4 Punkte:
-200 Jahre kein Bericht, keine Erwähnung des Propheten. Erst im 9.Jh setzen berichte ein.
- Die Millionen unterworfener Perser, Ägypter, Syrer, Christen, Byzantiner erwähnen NICHT EINMAL einen Propheten M. oder seine Religion I.
-Der Koran hat eine lange Entstehungsgeschichte. Er hat nicht einen Autor, sondern viele. Zusammengefasst ebenfalls im 9, Jh.
- Das leben des Propheten basiert ausschliesslich auf den Hadithen. Diese wurden 200 Jahre nach dem Propheten geschrieben. Es gibt NICHT EINEN Forscher ausserhalb der religion, der die Hadithe als historische Quelle Ernst nehmen würde.Es sind fromme Geschichtchen.
Man mus umgekehrt Frage. Wie kommt man eigentlich auf die Idee einen Propheten Mohammed zu behaupten.
Es gibt nicht einen einzigen religionsunabhängigen Nachweis, und 200 Jahre lang nicht einmal Behauptungen aus dem religiösen Lager.
Mohammed ist eine spätere Erfindung.
Die Frage, ob es Mohammed, Jesus oder Robin Hood gegeben hat, lässt sich nicht zufriedenstellend mit ja oder nein beantworten.
Was, wenn zwar jemand namens Mahmet gelebt hat, aber nicht in Mekka sondern in Persien, und wenn er nicht den Koran geschrieben hat sondern nur in zehn Versen erwähnt wird?
@Vorkommentator
Wenn der Koran erst im "9, Jh." zusammengefasst wurde, was ist dann mit dem Exemplar aus Sanaa, das die erste und letzte Sure enthält und aus der Zeit al-Walids (705–715) sein soll?
Leider gibt es nirgends eine Übersicht der Sanaa-Funde und ihrer Vollständigkeit und Abweichungen.
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