Freitag, 9. April 2010

Fethullah Gülen: Eine gefährliche Ideologie

Inhaltsverzeichnis
Serap Cileli: Fethullah Gülen: Eine gefährliche Ideologie
Nick Brauns: Fetullah Gülen: Die dritte Kraft in der Türkei
Jürgen Gottschlich: Die unheimliche Macht des Fetullah Gülen
Necla Kelek: Die Anhänger des Fethullah Gülen

Serap Cileli: Fethullah Gülen: Eine gefährliche Ideologie     Top

Die Gülen-Sekte ist umstritten. Ihre Kritiker prangern die „osmanische Empathie“ der türkischen Schulbewegung an.

Der türkische Ministerpräsident Erdogan (AKP) [1] fordert massiv türkische Schulen in Deutschland. Was er damit meinen könnte, zeigt ein Blick auf die undurchsichtige Bewegung des türkischen Islamisten Fethullah Gülen, die in Deutschland mehrere türkische Schulen unterhält. Kritiker fürchten, dort werde die türkisch-islamistische Elite von morgen herangezogen. Wolfram Göll befragte dazu die Menschenrechtlerin Serap Cileli.
[1] Die AKP (Adalet ve Kalkınma Partisi, AK Parti, Deutsch: Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung) ist die Partei des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Die AKP bildet derzeit mit 337 Abgeordneten die stärkste Fraktion im türkischen Parlament und hat die absolute Mehrheit der Sitze inne. Die AKP hat große Sympathien für die radikal-islamische und autoritäre Milli-Görüs-Bewegung des ehemaligen türkischen Ministerpräsidenten Necmettin Erbakans, gegen die mittlerweile in Deutschland wegen Betrug, Geldwäsche und Bildung einer kriminellen Vereinigung ermittelt wird. (siehe auch: Razzia im Morgengrauen)
Bayernkurier: Wie müssen wir uns das Imperium und die Strategie von Gülen vorstellen?

Serap Cileli: „Unser großer Dschihad ist die Bildung“, lautet Fethullah Gülens Botschaft. Er gibt sich gern als besonnener, harmoniebedürftiger Geistlicher. Seine Anhänger nennen ihn Hodscha-Efendi. Allein in der Türkei sollen ihm sechs Millionen Menschen folgen. Die heute extrem einflussreiche Gülen-Bewegung wurde in den 1970er Jahren gegründet und gründete zahlreiche Schulen, Universitäten, Sozialeinrichtungen, Studentenheime, Kulturzentren oder Wirtschaftsunternehmen in mehr als 50 Ländern, auch in Deutschland. Eng verbunden damit ist die Nurcu-Bruderschaft. Außerdem gehören dazu zahlreiche Medien, allein in der Türkei über 20 Radiostationen, dazu TV-Sender und Zeitungen. Der Wert des Gülen-Imperiums wird auf 26 Milliarden Dollar geschätzt.

Bayernkurier: Wie können wir ihn ideologisch einordnen? Gehört er zur türkisch-islamistischen Richtung der AKP?

Cileli: Die Gülen-Gemeinde unterstützt die islamisch-konservative Regierungspartei AKP. Sowohl die AKP-Oligarchie (Herrschaft einer Minderheit) als auch die Gülen-Sekte haben eine Empathie (Sympathie) für die osmanische Ideologie. In Gülen-Schulen in der Türkei wie im Ausland wird weltweit die türkisch-islamische Synthese verbreitet und gelehrt. Der türkische Staatspräsident Gül lobt die Aktivitäten der Gemeinde Gülens und hält Reden zur Eröffnung der Gülen-Schulen, aktuell in Bangladesch. Zu Recht wurden jedoch in Russland oder in Usbekistan die Gülen-Schulen geschlossen und alle Aktivitäten der Nurcu-Bruderschaft verboten. Das staatliche usbekische Fernsehen beschuldigte die Gülen-Sekte sogar, durch die Verbreitung pantürkischer [2] Propaganda die usbekische Kultur zu zerstören.
[2] Als Pan-Bewegungen oder Pan-Nationalismus werden bestimmte nationalistische oder religiöse Ideologien bezeichnet, die anstreben, alle Angehörigen einer bestimmten Ethnie oder Sprachgruppe in einem Staat zu vereinigen. Häufig postulierten Vertreter der jeweiligen Pan-Bewegungen den göttlichen Ursprung oder eine göttliche Mission der jeweiligen Ethnien. Die deutsche Philosophin Hannah Arendt (1906-1975) bezeichnet die Panbewegungen als besonders aggressive Formen des völkischen Nationalismus.
Bayernkurier: Welche Ziele verfolgt Gülen?

Cileli: Gülen lebt seit mehreren Jahren im selbstgewählten Exil in den USA und wird streng vom FBI bewacht. 1996/97 leitete die türkische Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen ihn ein. Es hieß, Gülen beabsichtige die Beseitigung der demokratisch-laizistischen Türkei (Laizismus bedeutet die Trennung von Religion und Politik) und strebe die Errichtung eines theokratischen Staates auf religiöser Grundlage an (Scharia). Und genau diesen Aspekt dürfen wir nicht aus dem Auge verlieren, auch wenn Gülen im Westen als jemand gilt, der islamische Lehren mit liberalen Ideen verbindet und den interreligiösen Dialog propagiert, als „gemäßigter Islamist“ mit seinen tränenreichen „Toleranz- und Friedensbotschaften“. Der Schein trügt. Die Gülen-Bewegung ist eine Glaubensgemeinschaft mit missionarischen Zwecken.

Bayernkurier: Wie aktiv ist die Bewegung in Deutschland?

Cileli: Es gibt rund 150 Nachhilfe-Institute und zwölf Schulen in Deutschland, die der Gülen-Gemeinde angehören oder ihr nahe stehen. Demnächst soll im schwäbischen Jettingen-Scheppach die erste Gülen-Schule mit Internat erbaut werden.

Bayernkurier: Warum ist die Gülen-Bewegung Ihrer Kenntnis nach eine Gefahr?

Cileli: Selbst der kemalistischen Elite der Türkei ist die Gülen-Gemeinde ein Dorn im Auge. Ein Wolf im Schafspelz. Kurz nach Gründung der türkischen Republik 1925 wurden die Tarikats, Bruderschaften oder Orden, verboten. Alle Orden halten an dem Leben nach den Regeln der Scharia fest, das religiöse Gesetz, das auf dem Koran basiert und unbedingt zu befolgen ist. Die Nurcu-Bruderschaft geht dieses Ziel langfristig an und kontrolliert mittlerweile in staatlichen türkischen Institutionen Schlüsselpositionen.

Bayernkurier: In Dialogforen, wie kürzlich in Nymphenburg, präsentieren sich die Gülen-Leute immer als Brückenbauer zwischen Islam und dem Westen. Gehen die Deutschen damit einer Täuschung auf den Leim?

Cileli: Gleichgültigkeit und Unwissenheit der Deutschen über die Gülen-Bewegung werden zu fatalen Folgen führen. Die Organisation ist sehr verschachtelt. Es ist sehr wichtig, sich mit ihr gründlich zu beschäftigen und die Ziele des Netzwerks nicht zu unterschätzen. Wir wissen nicht genau, was in den Bildungszentren passiert, das ist eine verschlossene Welt. Inwiefern die Behauptungen über Gülen der Wahrheit entsprechen, bleibt in absehbarer Zeit im Verborgenen. Belastbare Erkenntnisse über Gülen-Schulen liegen laut Verfassungsschutz nicht vor.

Serap Cileli, geboren am 29. Januar 1966 in Mersin in der Türkei, ist eine deutsche Buchautorin und Menschenrechtlerin türkisch-alevitischer Abstammung.

Die Anmerkungen [1] und [2] sind vom Blogbetreiber.

Quelle: Fetullah Gülen: Türkischer Schulgründer mit gefährlicher Ideologie

Nick Brauns: Fetullah Gülen: Die dritte Kraft in der Türkei     Top

Hier noch ein Auszug aus einem Artikel von Nick Brauns in der Tageszeitung „Junge Welt“ über Fetullah Gülen.

Während für Gülen die laizistische Linke des Teufels ist, hat der Mitbegründer der Erzurumer (Erzurum ist die größte Stadt Ostanatoliens) „Vereinigung zur Bekämpfung des Kommunismus“ keinerlei Berührungsängste mit der extremen Rechten. So spendete er den faschistischen Grauen Wölfen 3,5 Milliarden türkische Lira als diese bei den Parlamentswahlen 1991 auf der Liste der islamistischen Wohlfahrtspartei kandidierten, und rief seine Anhänger zur Wahl dieser Liste auf.

Eine alte Freundschaft verband Gülen mit dem Ende März 2009 bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben gekommenen Abgeordneten und Vorsitzenden der islamisch-faschistischen Großen Einheitspartei (BBP), Muhsin Yazcoglu. Dieser stand 1978 an der Spitze eines Pogroms der Grauen Wölfe in der anatolischen Stadt Karamanmaras, bei dem 111 Angehörige der alevitischen Religionsgemeinschaft ermordet wurden. „Er hatte einen guten Charakter und war ein tapferer anatolischer Mann“, würdigte Gülen den Faschisten nach dessen Unfall. Mit Yazcoglu teilte Gülen nicht nur den Traum vom großtürkischen Reich. Er soll die Gründung der von den Grauen Wölfen abgespaltenen und stärker religiös orientierten BBP 1993 auch finanziell unterstützt haben.

Mit Yazcoglu teilte Gülen nicht nur den Traum vom großtürkischen Reich. Er soll die Gründung der von den Grauen Wölfen abgespaltenen und stärker religiös orientierten BBP 1993 auch finanziell unterstützt haben. Gülen folgte Said Nursis Erkenntnis, daß der säkulare Staat ein zu mächtiger Gegner sei, um ihn frontal anzugreifen, und setzte auf gute Beziehungen zu den jeweiligen Regierungsparteien, denen er die Stimmen seiner Anhänger anbot. So setzten sich in den 90er Jahren sowohl der konservative Staatspräsident Turgut Özal als auch der sozialdemokratische Ministerpräsident Bülent Ecevit für Gülen ein.

Doch kurz nach dem Verbot der zuvor auf Druck des Militärs aus der Regierung verdrängten islamistischen Wohlfahrtspartei geriet im April 1998 auch die Gülen-Bewegung in das Fadenkreuz des Nationalen Sicherheitsrates, der diese beschuldigte, einen Gottesstaat errichten zu wollen. „Einer gesundheitlichen Untersuchung wegen“ setzte sich Gülen im März 1999 in die USA ab. Kurz darauf wurde im Fernsehsender NTV ein geheimes Video ausgestrahlt, in dem der Hocaefendi seine Anhänger zum Marsch durch die Institutionen aufrief: „Die Anwesenheit unserer Schüler in der Justizverwaltung und dem übrigen Staatsapparat ist der Garant für unsere Zukunft. Die Muslime dürfen nicht eilig handeln. Wer voreilig handelt, gerät in Gefahr, wie in Algerien, daß sein Kopf zerquetscht wird. Ihr müßt, ohne aufzufallen und ohne auf euch aufmerksam zu machen, an die Schaltstellen der Macht gelangen.

Wir brauchen keine Märtyrer. Wenn eure Kollegen im Amt Raki trinken, so müßt ihr sogar im Fastenmonat mit ihnen trinken, um nicht aufzufallen. Für unsere große Sache ist es euch erlaubt, euch zu verstellen.“ Ein Verfahren wegen Republikverrat wurde eingeleitet. Gülen bezeichnete die Aufzeichnungen als manipuliert und witterte ein „Komplott von Marxisten und Atheisten“. Nachdem 2003 unter der nun regierenden AKP der Prozeß gegen Gülen ausgesetzt wurde, erfolgte im Mai 2006 ein Freispruch. Obwohl so einer Rückkehr in die Türkei nichts im Wege stand, zog es Gülen vor, in seiner vom FBI geschützten Ranch im US-Bundesstaat Pennsylvania zu bleiben. Seit Ende 2008 hat er auch die Greencard zum dauerhaften Aufenthalt in den USA erhalten.

Dabei ist das von Gülen propagierte Konzept von der Unterwanderung staatlicher Institutionen längst aufgegangen. „Die Gülen-Bewegung: dritte Kraft der Türkei“ titelte das in London erscheinende sicherheitspolitische Jane’s Defence Weekly Magazin am 29. Januar 2009. Neben der Armee und der AKP sei die Gülen-Bewegung die dritte Kraft im Lande, der viele Abgeordnete und Tausende Beamte des mittleren Dienstes ebenso angehören wie hochrangige Staatsfunktionäre. Nachdem Gülen-Anhänger innerhalb der AKP politischen Einfluß erlangt hätten, sei das Ziel der Bewegung nun die ganze Macht im Staat. Insbesondere hat sich die Gülen-Bewegung die Polizei und den Inlandsgeheimdienst als entscheidende Machtinstrumente gesichert. Ein ehemaliger türkischer Innenminister schätzt, daß mittlerweile 70 Prozent der Polizeibeamte Fethullahci sind.

Verfolgung Andersdenkender

Seitdem offiziell im Namen der von der EU im Beitrittsprozeß geforderten Stärkung der zivilen Strukturen der Bereich „Terrorbekämpfung“ von der Armee auf die Polizei übertragen wurde, geht diese geradezu exzessiv gegen alle Kritiker und Konkurrenten der Gülen-Bewegung vor. Kaum eine Woche vergeht, in der es nicht zu Festnahmen von laizistischen Nationalisten und Kemalisten, kurdischen Aktivisten, Kommunisten, Gewerkschaftern oder konkurrierenden Islamisten kommt...

Statt der nun zunehmend entmachteten laizistisch-kemalistischen Bürokratie, die sich als zu unflexibel bei der Beherrschung des Landes erwiesen hatte, dienen die pro-westlich und wirtschaftlich neoliberal ausgerichteten Islamisten von AKP und Gülen-Bewegung als neue Agenten des Westens. Die kemalistische Hauptopposi­tionspartei, die Republikanische Volkspartei CHP, wirft der AKP inzwischen vor, den Aufbau eines „eigenen tiefen Staates“ durch die „F-Typ-Struktur“, gemeint ist die Fethullah-Gülen-Organisation, zu betreiben.

Kampf gegen PKK

Im Fadenkreuz der Gülen-Bewegung stehen heute insbesondere die kurdischen Landesteile. Zum einen dominiert hier im islamistischen Lager die kurdische Hisbollah, eine sunnitische Terrororganisation, die in den 90ern mit Billigung des Militärs Tausende PKK-Anhänger ermordete und in den letzten Jahren ein weitverzweigtes Netz von legalen Vereinen aufgebaut hat. Gülen warnte bereits vor einer islamistischen Gefahr in Form der Hisbollah, und diese reagierte mit der Drohung, sie könne „die Gülen-Bewegung in der kurdischen Region mit Leichtigkeit auslöschen, wenn es zu einem Kampf zwischen den beiden kommt“. Doch das Haupthindernis für die weitere Ausdehnung der Gülen-Bewegung ist die linke kurdische Freiheitsbewegung. So bezeichnete PKK-Führer Murat Karayilan in einem Interview mit Hasan Cemal von der kemalistischen Milliyet die Arbeiterpartei Kurdistans als „Wächterin des Säkularismus“ in den kurdischen Landesteilen der Türkei. „Stellen wir uns einmal vor, es gäbe die PKK nicht mehr. Der Südosten würde zum Zentrum des islamischen Fundamentalismus werden.“

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum der als Gülen-Anhänger geltende türkische Staatspräsident Abdullah Gül zwar jetzt öffentlich die Lösung der kurdischen Frage anmahnt, aber gleichzeitig die Polizei Hunderte (kurdische) Anhänger der bei den Kommunalwahlen im März 2009 zur stärksten Kraft in den kurdischen Landesteilen gewordenen Partei „Demokratik Toplum Partisi“ (Partei der demokratischen Gesellschaft, DTP) verhaftet. Die von der DTP vertretene Politik von Frauenemanzipation und Basisdemokratie steht Gülens reaktionärer Weltanschauung schließlich konträr entgegen.

Schachbrettfigur der USA

Nach dem Ende der Sowjetunion gründete die Gülen-Bewegung zahlreiche Schulen und Wirtschaftsunternehmen in den zentralasiatischen Turkrepubliken Aserbaidschan, Turkmenistan, Usbekistan, Kasachstan und Kirgistan ebenso wie in Georgien und Rußland. Der ehemalige türkische Staatspräsident Süleyman Demirel bat damals seine Kollegen in den ehemaligen Sowjetrepubliken mit einem offiziellen Referenzschreiben um Unterstützung für die Schulen der Gülen-Bewegung.

Doch nicht nur die türkische politische Elite sieht in den Gülen-Unternehmungen ein Mittel zur kulturellen und wirtschaftlichen Durchdringung der aufgrund ihres Öl- und Gasreichtums bedeutsamen Kaukasus-Region. „Diese Schulen dienen offenbar CIA- und US-State-Department-Mitarbeitern als Front für geheime Operationen in dieser Region, wobei viele der Lehrer mit Diplomatenpässen operieren“, schreibt die ehemalige FBI-Angestellte Sibel Edmonds. „Die US-Regierung benutzt die Türkei als Stellvertreterin, um Einfluß über Zentralasien mit Hilfe des pantürkischen Nationalismus und der Religion zu erlangen.“

Auch der Direktor des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB, Nikolai Patrushev, warnte bereits im Jahr 2002, die Unternehmen und Stiftungen der Nurcu-Bruderschaft dienten als Tarnorganisationen der CIA und betrieben antirussische Aktivitäten durch die Verbreitung pantürkischer Propaganda. Nach der Schließung der russischen Gülen-Schulen wurden im Frühjahr 2008 auch alle weiteren Aktivitäten der Nurcu-Bruderschaft vom Obersten Gerichtshof des Landes verboten, da diese „fundamentalistische Gruppe“ „religiösen Separatismus“ in den mehrheitlich islamisch besiedelten Gebieten ermutige. Auch in Usbekistan wurden die Schulen der Gülen-Bewegung geschlossen. Im Februar 2009 wurden in Buchara (Usbekistan) elf Gülen-Anhänger zu Haftstrafen bis zu acht Jahren wegen „destruktiver Aktivitäten“ und „religiöser Propaganda“ verurteilt. Das staatliche usbekische Fernsehen beschuldigte die Gülen-Bewegung der Zerstörung der usbekischen Kultur durch Propagierung des Pantürkismus.

Selbst in der kurdischen Autonomieregion im Nordirak hat die Gülen-Bewegung mit Unterstützung der regierenden kurdischen Parteien, deren Führer Mesud Barsani und Jalal Talabani ebenso wie Gülen der islamischen Nakschibandi-Bruderschaft angehören, bereits 15 Schulen und eine Universität eröffnet. In diesen wird in türkischer und englischer Sprache unterrichtet, und die Schüler, darunter Söhne hochrangiger kurdischer Parteifunktionäre, singen zu Unterrichtsbeginn die türkische Nationalhymne.

Fethullah Gülen ist kein türkischer Ajatollah Khomeini, wie viele Kemalisten befürchten. Es geht Gülen vielmehr um ein neo-osmanisches Hegemonieprojekt als Ordnungsmacht in der geopolitisch wichtigen Region zwischen Balkan, arabischer Welt, russischer Grenze und chinesischer Mauer. Keine unrealistische Vorstellung, meint George Friedman, Gründer der in Austin/Texas beheimateten geopolitischen Denkfabrik Stratfor. Wenn sich die islamische Welt organisiert, werde die Türkei an der Spitze stehen, „wie sie das seit fünfhundert Jahren getan hat“, schreibt der konservative Analytiker in seinem kürzlich veröffentlichten Bestseller „Die nächsten 100 Jahre“.

Quelle: Fetullah Gülen - Die dritte Kraft in der Türkei

Jürgen Gottschlich: Die unheimliche Macht des Fetullah Gülen     Top

Die Gülen bewegung in der Türkei, Istanbul (05.04.2011)

Fetullah Gülen musste nach einer radikalen Predigt 1999 aus der Türkei fliehen und lebt im Exil in den USA. Dennoch gilt er als einer der mächtigsten Männer am Bosporus.

Der islamistische Prediger Fetullah Gülen gilt als einer der mächtigsten Männer der Türkei. Seine Anhänger scheinen weite Teile der Ordnungsmacht im Land unterwandert zu haben, Kritiker werden aus dem Weg geräumt. Jetzt wurden zwei Journalisten verhaftet, doch deren Umfeld weiß sich zu wehren.

Fikret Ilkiz ist eine elegante Erscheinung. Graumeliertes Haar, schmale Gesichtszüge, ein teures Sakko rundet das Äußere ab. Er redet kurz, aber mit einer Präzision, die etwas Schneidendes hat. Fikret Ilkiz ist Anwalt, und sein Auftreten erinnert ein wenig an Otto Schily, als dieser in den siebziger Jahren Gudrun Ensslin verteidigte.

Nedim Sener, hier bei seiner Festnahme Anfang März, arbeitet bei dem intellektuellen Traditionsblatt "Milliyet".

Ahmet Sik ist Redakteur bei der linksliberalen "Radikal".

Berühmt geworden sind Sik und Sener aber eher durch ihre Bücher, beide gelten als Ikonen des investigativen Journalismus in der Türkei. Ihre Recherchen wurden in ihrer Heimat und auch im Ausland vielfach ausgezeichnet. Nun wird beiden vorgeworfen, sie seien Mitglieder der geheimen ultranationalistischen (rechtsradikalen) Untergrundorganisation Ergenekon, einem Netzwerk, über das sie selbst Enthüllungsgeschichten geschrieben haben.

Ilkiz vertritt den derzeit bekanntesten Untersuchungshäftling der Türkei, den renommierten Journalisten und Autor Ahmet Sik. Sik wurde am 3. März 2011 festgenommen, zeitgleich mit seinem Kollegen Nedim Sener. Beide arbeiten bei einer Zeitung aus dem Dogan Konzern, Sik bei der linksliberalen "Radikal", Sener bei dem intellektuellen Traditionsblatt "Milliyet". Berühmt geworden sind beide aber eher durch ihre Bücher.

Durch ihre Enthüllungen wurden sie zu Ikonen des investigativen Journalismus der Türkei, vielfach ausgezeichnet im In- und Ausland. Entsprechend groß war der Schock, als beide im Morgengrauen des 3. März in ihren Privatwohnungen verhaftet wurden. Die Polizei stellte die Räume auf den Kopf, beschlagnahmte Computer, CDs und die gesamten Archive.

"Jeder weiß, dass der Vorwurf absurd ist"

Doch schon bald verwandelte der Schock sich in helle Empörung, als bekannt wurde, was den beiden vorgeworfen wird: Sie sollen Mitglieder der ultranationalistischen Untergrundorganisation Ergenekon sein. Das Netzwerk von Militärs und Hardcore-Kemalisten soll 2003 und in den folgenden Jahren durch Terror und Desinformation den Sturz der islamisch geprägten Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan betrieben haben.

"Jeder weiß, dass dieser Vorwurf gegen die beiden Journalisten absurd ist", stellte Ilkiz am Wochenende bei einem Treffen von Freunden von Sik und Sener mit ausländischen Journalisten fest. "Ihre Arbeit spricht für sich." Tatsächlich gehörte Ahmet Sik 2004 zu jenen Redakteuren des Wochenmagazins "Nokta", die als erste eine große Enthüllungsgeschichte über Putschpläne der Armee publizierten. Als Beweis legte "Nokta" Auszüge aus geheimen Tagebüchern eines hochrangigen Admirals vor, in dem das Vorhaben skizziert wurde. Das Tagebuch ist heute Bestandteil der Anklage im Ergenekon-Prozess - und ausgerechnet der Journalist, der es enthüllte, soll nun Teil des Netzwerks sein.

So absurd die Vorwürfe gegen Ahmet Sik und Nedim Sener sind, sie markieren doch einen Einschnitt im sogenannten Demokratisierungsprozess der seit 2002 regierenden AKP-Regierung unter Erdogan. Die ersten Jahre der neuen Regierung, in denen auch die erfolgreiche Annäherung an die EU stattfand, waren geprägt durch eine permanente Auseinandersetzung mit dem bis dahin übermächtigen Militär.

In dieser Zeit standen Journalisten wie Ahmet Sik und Nedim Sener auch auf der Seite der AKP, wenn sie über Menschenrechtsverletzungen des Militärs und der Geheimdienste berichteten. Nachdem das Militär durch den gemeinsamen Einsatz der demokratischen [1] Kräfte zurückgedrängt worden war und die AKP ihre Macht in den Institutionen gesichert hat, wird investigativer Journalismus plötzlich lästig, wenn nicht sogar, wie jetzt, zwei Monate vor den entscheidenden Parlamentswahlen, bedrohlich.

[1] Wie demokratisch diese Kräfte, allen voran die AKP, wirklich sind, soll an dieser Stelle nicht diskutiert werden.

Altersweiser Islamgelehrter oder mächtiger Strippenzieher?

Während Teile der türkischen Presse zu reinen Claqueuren (Beifallklatschern) der Regierung geworden sind, blieben andere wie Sik und Sener ihrer Linie treu. Obwohl der Sonderstaatsanwalt, der seit 2007 mit außerordentlichen Vollmachten die Ermittlungen im Ergenekon-Verfahren betreibt, nach der Verhaftung betonte, die beiden seien nicht wegen ihrer journalistischen Arbeit festgenommen worden, zeigen die am Wochenende bekannt gewordenen Vernehmungsprotokolle doch das genaue Gegenteil.

Ahmet Sik hatte bei seiner Verhaftung die Arbeit an einem neuen Buch, das im Mai publiziert werden sollte, fast abgeschlossen. Das Manuskript birgt Sprengkraft. Das Buch heißt "Imamin Ordusu", zu Deutsch "Die Armee des Imam". Es beschreibt sehr detailliert, wie Anhänger des islamischen Geistlichen Fetullah Gülen, die derzeit mit Abstand einflussreichste islamische Bruderschaft der Türkei, seit Mitte der achtziger Jahre systematisch die Polizei unterwandert haben. Die Gülen-Bewegung ist im Ausland, auch in Deutschland, vor allem durch ihre Schulen bekannt. Fetullah Gülen selbst lebt seit einem Prozess in den neunziger Jahren in den USA im Exil. In Interviews präsentiert er sich als altersweiser, toleranter Islamgelehrter.

"Ahmet Sik hat dagegen herausgefunden", sagt Fikret Ilkiz, "dass bereits 80 Prozent des türkischen Polizeiapparates zur Gülen-Bewegung gehören." Ob der Wert wirklich so hoch ist, mag dahingestellt sein. Fakt ist, dass Kritiker der Bruderschaft derzeit gefährlich leben. Der letzte Enthüllungsautor, der ein Buch über die Gülen-Bewegung, schrieb, heißt Hanefi Avci. Er war früher ein hochrangiger Polizeioffizier und ist selbst einstiger Sympathisant von Gülen. Avci hatte im vergangenen Herbst ein spektakuläres Aussteigerbuch veröffentlicht, das sich bis heute fast eine Million Mal verkaufte. Doch Avci kann den Erfolg nicht genießen. Er sitzt bereits seit November im Gefängnis, angeblich als Unterstützer einer linksradikalen Terrororganisation.

Auch Nedim Sener scheint der Bruderschaft lästig geworden zu sein. Zumal seine Arbeiten Ähnlichkeit mit denen von Ahmet Sik haben. Seners letztes Buch beschäftigt sich mit den Lügen des Sicherheitsapparats zum Hintergrund des Mordes an dem prominenten armenischen Journalisten Hrant Dink vor vier Jahren. Neben Armeeleuten sind offenbar auch viele hohe Polizeioffiziere, die mit Gülen sympathisieren, darin verwickelt.

Plötzlich taucht das Buch im Internet auf

Wie sehr das Buch "Die Armee des Imam" die Gülen-Bewegung und die AKP-Regierung gestört hat, zeigten die Wochen seit der Verhaftung. Staatsanwaltschaft und Ermittlungsrichter behaupteten, das Buch sei im Auftrag von Ergenekon geschrieben worden, um vor den Wahlen Unruhe zu verbreiten. Der Besitz des unveröffentlichten Manuskripts wurde unter Strafe gestellt. Hunderte Polizisten suchen seitdem nach Kopien.

Die Kanzlei von Fikret Ilkiz wurde durchwühlt, der Verlag von Ahmet Sik auf den Kopf gestellt, und die Redaktion von "Radikal", Siks Zeitung, gefilzt. Trotzdem konnte die Staatsmacht nicht verhindern, dass die "Armee des Imam" am vergangenen Donnerstag komplett im Netz auftauchte. Bereits am ersten Tag wurde das Manuskript über hunderttausend Mal heruntergeladen. Am folgenden Tag fand auf dem zentralen Istanbuler Taksim-Platz eine öffentliche Lesung des Buchs statt, Hunderte Freunde und Unterstützer der Journalisten waren gekommen.

Die Reaktion auf das Buch ist so überwältigend, dass die Staatsanwaltschaft erklären musste, sie würde Personen, die das Buch aus dem Internet heruntergeladen haben, zunächst nicht verfolgen. Wichtiger noch, nach fast vier Jahren wurde jetzt der leitende Sonderstaatsanwalt Sekeriya Öz plötzlich von seinem Amt entbunden. Was das für die Ermittlungen bedeutet? Aus Sicht von Anwalt Ilkiz ist die Personalie ein Beweis für den Kollaps des türkischen Justizsystems.

Quelle: Gülen-Bewegung in der Türkei

Necla Kelek: Die Anhänger des Fethullah Gülen     Top

Der jüngste Putschversuch in der Türkei geht auch auf die Anhänger des islamischen Predigers Fethullah Gülen zurück. Gülen ist dabei, ein weltweites Netz muslimischer Intelligenz heranzubilden, das einem machtbewussten islamischen Chauvinismus huldigt.

Die Verhaftungen mehrerer pensionierter kemalistischer Generäle als vermeintliche Putschisten in der Türkei Anfang Juli gehen, so vermuten Insider in Ankara, auch auf die Fethullahcis, die Anhänger des islamischen Predigers Fethullah Gülen, zurück. Sie haben inzwischen hohe Positionen, nicht nur in der AKP, sondern auch im Staatsapparat und der Polizei.

Wer ist Fethullah Gülen? Geboren wurde er 1941 in der Nähe der Stadt Erzurum im Osten Anatoliens. Er ging auf die Koranschule, wurde mit achtzehn Jahren Imam der türkischen Religionsbehörde, schloss sich der Nurculuk-Licht-Bewegung des Sufi-Predigers Said Nursi an, kam wegen islamistischer Umtriebe nach dem Putsch 1971 für sechs Monate ins Gefängnis und blieb trotzdem bis nach dem Militärputsch 1981 als Prediger im Staatsdienst. Er gründete dann seine eigene, dem Mystizismus und Sufismus zugewandte Bewegung, die sich auf eine Verbindung von Islam und türkischem Nationalismus, den „Turanismus“, beruft und im Geheimen Welteroberungstheorien verbreitet.

Eine Sekte mit Konzernstruktur

Gülen hat einen weltweiten Verbund von Stiftungen und Schulen gegründet, der vor allem die neue muslimische technische Intelligenz heranbilden soll und wie eine Art Geheimsekte agiert. Deren öffentlicher Arm wird durch auflagenstarke Zeitungen wie die türkische „Zaman“ repräsentiert. Nach außen hin vertritt er eine Art Islam light, nach innen propagiert er einen machtbewussten islamischen Chauvinismus.

Dem Westen gegenüber versucht er zum Beispiel in der „Welt-Ethos“-Bewegung des katholischen Schriftstellers Hans Küng durch Friedensappelle internationales Renommee zu erlangen. Er vertritt jedoch unverblümt die These von der Überlegenheit des Islams gegenüber jeder anderen Religion. Seine Bewegung ist in Japan über Russland bis Deutschland und in der Türkei aktiv; sie verfügt über Universitäten, Fernsehsender, eine Bank, Versicherungen, Zeitungen, einen Unternehmerverband und Gewerkschaften. Fethullahci, wie sich Gülens Anhänger nennen, haben inzwischen Positionen bis in höchste türkische Regierungskreise.

Eine „unfassbare“ Bewegung

„Die Nurculuk-Bewegung versteht sich als religiöse Reformbewegung, die moderne Technologie und Islam miteinander verbinden will. Mittlerweile gehören der ,Islamischen Gemeinschaft Jama'at un-Nur' (Lichtjugend) bundesweit circa vierzig Medresen, theologische Ausbildungsstätten, an. So zum Beispiel das Feyza-Bildungszentrum Duisburg. Die Zahl der Anhänger dieser Bewegung liegt in Deutschland zwischen fünf- und sechstausend. Eigenen Angaben zufolge soll die Bewegung weltweit circa 1,5 Millionen Anhänger in mehr als sechzig Ländern haben. Die Gesamtleitung liegt bei einer Arbeitsgemeinschaft ,gleichberechtigter Brüder' in Istanbul“ - so schätzt das Bundesfamilienministerium die Situation ein.

1999 wurde in der Türkei eine Rede Gülens bekannt, in der er seinen Anhängern Anleitungen für den Marsch durch die Institutionen gab und sie aufforderte, sich konspirativ zu verhalten, bis die Zeit für die Machtübernahme gekommen sei. Die Rede wurde bekannt, Gülen setzte sich in die Vereinigten Staaten ab, um einer Verhaftung durch das Militär zuvorzukommen. Dort lebt er seitdem. Ganz nach den Regeln der Konspiration hat seine Sekte keine zentrale Organisation. Ein Verbot könnte sie nicht treffen, denn es gibt nur persönliche Verbindungen zwischen den Brüdern und Schwestern. Man arbeitet mit Paten und Bürgen, informell und per Internet. Die Bewegung ist „unfassbar“, wie der Islamwissenschaftler Ralph Ghadban feststellt.

Diskrete Organisationsformen

Ich selbst habe lange gebraucht, um hinter die Arbeitsweise dieser Organisation zu kommen. Wir hatten vor Jahren eine Austauschstudentin bei uns zu Gast. Die junge Frau hatte in der Türkei Betriebswirtschaft studiert und wollte in Deutschland promovieren. Sie trug weder Kopftuch, noch betete sie oder zeigte sich mir gegenüber an religiösen Themen interessiert. Das Einzige, was sie täglich tat, war, Texte der türkischen Zeitung „Zaman“ online ins Englische zu übersetzen. Ein Studentenjob, wie sie sagte, um ihr Studium zu finanzieren. Aus anderen Zusammenhängen erfuhr ich, dass sie eine Fethullahci ist.

Sie zog dann in eine Studentinnen-WG. Als ich sie dort einmal überraschend besuchte, traf ich auf eine durch und durch islamische Gemeinschaft. Sie reiste für ein paar Tage nach Paris oder mal nach London, immer zu „Freunden“, von denen sie aber auf nähere Nachfrage nichts erzählen konnte oder wollte. Nach einem Jahr heiratete sie plötzlich. Ihr Professor in Istanbul hatte ihr einen Studenten als Bräutigam vermittelt, der ebenfalls zur Bewegung gehörte. Nurculuk arrangierte die Ehe, und ihre Eltern waren einverstanden. Sie ist in die Türkei zurückgegangen und wird an einer Gülen-Schule unterrichten.

Vorgebliche Modernität

Der Ansatz der Bewegung scheint auf den ersten Blick durchaus modern. Es geht darum, dass die Muslime alle Errungenschaften der Wissenschaft in sich aufnehmen, damit sie mit dem Westen konkurrieren können. Daran ist nichts Falsches, und die Bewegung könnte als Vorzeigeobjekt eines Reformislams gelten, der sich ja sonst der Moderne verweigert. Betrachtet man aber die Schriften von Fethullah Gülen, zeigt sich eine zutiefst dogmatische und reaktionäre Denkweise. Er schreibt: „Koran und Hadith sind wahr und absolut. Wissenschaft und wissenschaftliche Fakten sind wahr, solange sie mit Koran und Hadith übereinstimmen. Sobald sie aber eine andere Position einnehmen und von der Wahrheit von Koran und Hadith wegführen, sind sie fehlerhaft. Selbst zweifelsfrei etablierte wissenschaftliche Fakten können nicht die Säulen sein, auf denen die Wahrheiten des imam (Glauben) ruhen. Nicht die Wissenschaft lässt die Wahrheit erkennen, sondern der Glaube an Allah, aus der Rechtleitung Gottes . . .“

Diese Art des Denkens führt zu der Erkenntnis, dass im Koran bereits alles steht, dass alles vorherbestimmt ist. So gebe der Koran zum Beispiel Hinweise auf das unsichtbare Wirken dessen, was heute Physik genannt wird: auf Anziehung und Abstoßung oder auch Rotationen und Umbrüche im Universum. Der Beweis laut Gülen ist die 13. Sure, Vers 2 des Korans: „Allah ist es, der die Himmel, die ihr sehen könnt, ohne Stützpfeiler emporgehoben hat.“ Oder Sure 22, Vers 65: „Und er hält den Himmel zurück, damit er nicht auf die Erde fällt, es sei denn mit seiner Erlaubnis.“

Intellektueller Despotismus

Auf die Frage, warum die meisten wissenschaftlichen Erkenntnisse dann nicht von Muslimen stammen, erklärt er, das „Geheimnis des wissenschaftlichen Vorsprungs der islamischen Welt ab dem 12. Jahrhundert“ liege im Islam, weil er das „Gefühl der Armut und Machtlosigkeit vor dem ewigen allmächtigen Schöpfer des Kosmos habe“. Der Rest sei „intellektueller und wissenschaftlicher Despotismus“, westlicher Fanatismus, Kolonialismus et cetera, die die Welt nicht besser, sondern schlechter gemacht haben, weil sie nicht dem Koran folgen.

Das Weltbild Gülens setzt sich aus solchen Argumentationen zusammen. Dass er mit derselben Verve die Existenz von Engeln und Dschinn beweist, ist dann nur folgerichtig. Es sind dieselben Argumente, die vom Scharia-Islam her kennen. Gülen macht nur eines anders als die fatalistisch an die Vorsehung Glaubenden: Er fordert seine Anhänger auf, sich die Welt der Ungläubigen aktiv anzueignen, um sie im Namen des Islams beherrschen zu können. Es geht ihm darum, die gottgewollte und natürliche Herrschaft des Islams über die Welt zu erlangen, weil „sich alles dem Menschen fügen wird, solange dieser sich Allah fügt“.

Warten auf die rechte Stunde

Gülens Gefolgsleute sind die intellektuellen Vordenker der AKP. Sie arbeiten mit dem Wissen des Westens; Freiheit und Demokratie sind dabei Instrumente zur Erlangung und Bewahrung von Einfluss und Macht. Die türkischen Parteien insgesamt sind keine Organisationen von Demokraten, sondern Lobbyisten, die das demokratische System benutzen, um ihre Gruppen- und Einzelinteressen durchzusetzen. Seit Bestehen der Türkischen Republik wurden Dutzende Parteien, Bewegungen oder Orden gerichtlich verboten oder vom Militär zerschlagen. Die AKP muss sich aktuell mit einem Verbotsantrag von kemalistischen Staatsanwälten auseinandersetzen. Die Fethullahcis haben sich auf diese Situation eingestellt, sie arbeiten konspirati und warten, bis ihre Zeit gekommen ist.

Die Arbeit mit Laien, die von der Bewegung bestimmten Lebenspläne der Anhänger, die Verschwiegenheit gegenüber Außenstehenden erinnern in vielen Punkten an das Muster des katholischen Ordens Opus Dei. Auch der Einfluss der Fethullahcis ist nicht zu unterschätzen, denn die überwiegende Mehrheit von ihnen gehört zur jüngeren türkischen Intelligenz. Gülens Bewegung ist die einflussreichste politisch-religiöse Geheimorganisation in der Türkei. Sie wird in den kommenden Monaten ihren Einfluss bei der Auseinandersetzung um die Zukunft des Landes nutzen.

Dass sie gut organisiert und mobilisierbar ist, veranschaulicht eine kleine Geschichte. Die Redakteure des britischen Magazins „Prospect“ wunderten sich, als sie im Juni ihre Internetumfrage zu den „Top 100 Intellektuellen der Welt“ auswerteten: Lagen zu Beginn noch Mario Vargas Llosa, Al Gore und Gary Kasparow Kopf an Kopf mit Noam Chomsky, dem Gewinner der Umfrage aus dem Jahr 2005, änderte sich dies kurz vor Schluss. Da gingen bei der Internetumfrage plötzlich mehr als 500.000 Stimmen ein. Sie stellten die Welt der westlichen Intellektuellen auf den Kopf. Als Top-Intellektueller der Welt gilt seitdem der Türke Fethullah Gülen.

(Necla Kelek, 1957 in Istanbul geboren, ist deutsche Sozialwissenschaftlerin. Schwerpunkt ihrer Forschung ist islamisches Leben im Westen)



Welche islamische Bewegungen, Verbände, Vereine, staatlich gelenkte Institutionen auch immer alle Spektren abdecken, vom vermeintlich moderaten Islam bis hin zum totalitären Gottesstaat; eins haben alle gemeinsam und berufen sich darauf: Den Koran, die Hadithen und die Scharia, in ihren unabänderlichen, zeitlosen und verbindlichen Normungen.

Ob es sich dabei um die Fethullah Gülen Bewegung, IGMG (Millî Görüş), VIKZ, Einladung zum Paradies, oder die von Millî Görüş und der Muslimbruderschaft maßgeblich finanzierte Penzberger Mosche um den Imam Bajrambejamin Idriz handelt und man geneigt ist zu glauben, dass sich alle voneinander gravierend unterscheiden, ist eines sicher. Alle geben sich demselben Ziel hin: Den Islam seiner einzigen wahren Zielsetzung näher zu bringen: Alle anderen Religionen sowie politische und gesellschaftliche Modelle zu ersetzen!

Die Beteuerung, integrationswillig und verfassungstreu zu sein, ist Geschwätz. Der größte Teil der muslimischen Einwanderer war schon längst in Europa und insbesondere in Deutschland angekommen. Dass sie jedoch nicht davor gefeit waren, sich vom Virus des Kollektivhandelns erneut instrumentalisieren zu lassen, beweist ihr Sozialverhalten und die zunehmende „Treu“ zu einer religiös gelenkten, faschistoiden Ideologie.

Der Einwand, man solle den Muslimen erlauben ihre Religion zu leben, egal wo sie sich befinden, und, dass es sich beim Islam lediglich um eine Religion wie alle anderen handelt und Privatsache sei, sollte Lessing und Voltaire lesen.

Na ja, spricht man mit einigen säkularen Türken, die aber rein gar nichts am Hut haben mit dem Islam,  müsste man „Treue“ mit Furcht übersetzen. Die Community ist halt präsent, woll!

Quelle: Islamischer Chauvinismus in neuem Gewand

Siehe auch:
Serap Cileli : Fethullah Gülen: Der Wolf im Schafspelz
Fetullah Gülen - eine mächtige islamistische Gruppierung
Nick Brauns: Der lange Arm der Fetullah Gülen 
Nick Braun: Fetullah Gülen: Die dritte Kraft in der Türkei
Jürgen Gottschlich: Die unheimliche Macht des Fetullah Gülen
Necla Kelek: Die Anhänger des Fethullah Gülen
Necla Kelek: Islamischer Chauvinismus in neuem Gewand
Fetullah Gülen in Baden Württemberg
Ludwigsburg - Eine Privatschule für die Integration
Türkei: Meinungsfreiheit nur auf dem Papier
Fethullah Gülen: Das mächtige Netzwerk der frommen Muslime

Information zum Thema Islam
Videos zum Thema Islam

Keine Kommentare: