Sonntag, 22. November 2009

Necla Kelek: Die Muslime und der armenische Holocaust

Von Dr. Necla Kelek (Bild links) - 21.11.2009

Der Umgang der Muslime mit dem Holocaust an den Armeniern und den Juden. Die Unfähigkeit zu trauern plagt auch die Einwanderer aus der Türkei.

Wie Sie vielleicht wissen, bin ich in der Türkei geboren und 1967 mit zehn Jahren nach Deutschland gekommen und inzwischen deutsche Staatsbürgerin. Ich teile diese Biografie mit Tausend Anderen und muss mir die Frage stellen: Bin ich für das, was vor meiner Zeit in Deutschland zwischen 1933 und 1945 geschah, mitverantwortlich? Geht mich das, was vor Jahrzehnten in der Türkei geschah und heute geschieht, noch etwas an?

Viele meiner türkischen Landsleute, vor allem die Jüngeren, leben heute in einer Art selbstgewähltem geschichts- und verantwortungslosen Zustand. Die Geschichte und Verhältnisse in der Türkei kennen sie nicht und können sie nicht beeinflussen. Sie wollen sich die ferne Heimat nicht schlechtreden lassen, protestieren in einer Art kollektiven Reflex, wenn man in dunkle Vorgänge der Geschichte Licht bringen will. Mit der deutschen Geschichte haben sie auch nichts zu tun. Die, die keinen deutschen Pass haben, können nicht wählen, können oder wollen keine Verantwortung übernehmen und sind faktisch Opfer einer Politik, die andere für sie machen.

Und so kommt es zu der verbreiteten Haltung: Schuld sind immer die anderen, im Zweifelsfall die Deutschen. Der Migrant ist das Mündel, das abhängig gehalten wird, auch von den eigenen Leuten. Ja, die Opferrolle wird von der türkischen Politik geradezu zelebriert. Es ist ein schlimmer Zustand, auf diese Weise in einer Art geschichtlichen Amnesie (Erinneringsverlust, Gedächtnislücke) zu leben. Viele Migranten und auch die türkische Gesellschaft leben in einer infantilen (kindlichen) Gesellschaft, die sich nicht ihrer historischen und gesellschaftlichen Verantwortung stellt und damit zur Generation ohne Geschichte wird.

Für uns in Deutschland lebende Bürger gibt es aber eine Möglichkeit, sich aus dieser Haltung zu befreien: Man hört auf zu jammern. Man nimmt teil, mischt sich ein, wird Staatsbürger dieses Landes. Integration ist Teilhabe an der Gesellschaft und ein Prozess, der auch vom Einwanderer eine Leistung abverlangt. Freiheit muss man lernen, Verantwortung tragen auch.

Ich hatte vor fast zwanzig Jahren in dieser Frage ein Schlüsselerlebnis. Ich bin als Studentin in meiner Nachbarschaft am 9. November zu einer Gedenkstunde in die Hamburger Synagoge gegangen. Dort sprach Ralph Giordano und schilderte die Deportation seiner Familie und Nachbarn. Etwas Merkwürdiges geschah mit mir. Die Erzählung empörte mich nicht als Türkin über die Verbrechen der Deutschen, sondern ich war getroffen als Mensch. Ich schämte mich als menschliches Wesen für die Menschen, die anderen so etwas antun.

Erst spät hatte die Bundesrepublik gelernt, sich der Schuldfrage anzunehmen. 1967 erschien ein Buch, das heftige Reaktionen hervorrief und zeigte, wie brüchig die bis dahin auf einer „Bewusstseinszensur“ basierende Selbstgewissheit der Nachkriegsgesellschaft war: „Die Unfähigkeit zu trauern“ von Alexander und Margarete Mitscherlich. Ein Buch, das von der Weigerung der Kriegsgeneration handelte, sich der Verantwortung für die im Dritten Reich begangene Schuld zu stellen. Dies war in den Augen der beiden Autoren eine notwendige Voraussetzung, um sich von der autoritären Fixierung auf den Diktator Adolf Hitler lösen und „Trauerarbeit“ leisten zu können. In der Geschichte der Bundesrepublik steht diese „Erinnerungsarbeit“ bis heute immer wieder auf der Tagesordnung. Die Debatten verlaufen meist äußerst kontrovers, aber sie haben durch die kollektive Befassung eine Art Reifeprozess ermöglicht und damit dazu beigetragen, den demokratisch-zivilen Charakter dieser Republik zu festigen. Sie waren „Arbeit“, mit der die verdrängte Vergangenheit ins Bewusstsein gehoben wurde.

Ich möchte heute die Gelegenheit ergreifen, meinen türkischen Landsleuten und auch den Muslimen im Land diese „Arbeit“ aufzubürden. Ich möchte dazu beitragen, dass wir Migranten lernen, dass wir im Guten wie im Bösen viel mit dem Land gemeinsam haben, in dem wir leben. Denn Heimat ist der Ort der Gegenwart wie der Erinnerung. Mehr als es türkische und deutschen Geschichtsbücher bisher verkünden, stellen sich auch bekannte historische Fragen anders, als gemeinhin vermutet wird. Die Geschichte der Deutschen, der Türken, Araber und Muslime hat viele gemeinsame Punkte, es sind Ereignisse, in der sich Fragen der Verantwortung anders als vermutet stellen.

Ich spreche hier darüber, weil ich das als deutsche Staatsbürgerin tun kann, ohne in Gefahr zu laufen, von einem Staatsanwalt vor Gericht gezerrt zu werden wie kürzlich der Schriftsteller Orhan Pamuk wegen seiner Äußerungen zum Völkermord an den Armeniern1. Und weil ich es für unerträglich halte, wenn Voreilige jede Äußerung, die kritisch mit Türken, Arabern oder Muslimen umgeht, als Rassismus deuten. Zur Wahrheit gehört Klarheit, auch wenn die Wahrheit unangenehm ist.

1Anmerkung: Die dominierende Religion der Armenier ist das orientalische orthodoxe Christentum, das in Armenien die Armenische Apostolische Kirche repräsentiert. Ihr gehören etwa 94 Prozent der Bevölkerung an. Sie spielt eine zentrale Rolle für die armenische Identität. Das Christentum ist tief verwurzelt, immerhin erhob Armenien im Jahre 301 als erstes Land der Welt das Christentum zur Staatsreligion.

Ich möchte Ihnen anhand einiger Beispiele die Verbindung deutscher, türkischer und islamischer Geschichte dokumentieren. Bereits 1912/13 hatten die Jungtürken unter Enver Pascha2 in einem Militärputsch den Sultan (Abdülhamit II.) gestürzt und die Macht übernommen. Kaiser Wilhelm II. sah die politische Bewegung der Jungtürken, als eine Art fünfte Kolonne der Deutschen. Das deutsche Kaiserreich setzte im Ersten Weltkrieg ganz auf die „islamische Karte“. Den Heiligen Krieg der Muslime wollte Wilhelm II. als „letzten Trumpf“ einsetzen. Im Schatten des Ersten Weltkriegs wurden 1915 die Armenier aus Anatolien vertrieben und ermordet. Es waren bis zu 1,4 Millionen Menschen. Der preußische (deutsche) Generalfeldmarschall Colmar von der Goltz hatte die Deportation der „unzuverlässigen“ Armenier in die mesopotamische Wüste empfohlen, weil er sie als Bedrohung im Rücken der eigenen Truppen sah. Bei dem diktatorisch regierenden Triumvirat unter Enver Pascha, Talaat Pascha und Cemal Pascha, das ein durch die türkischen Muslime dominiertes Anatolien anstrebte, stieß sein mörderischer Vorschlag auf Zustimmung. Sie wollten eine ethnische reine Türkei schaffen.

2İsmail Enver, bekannt als Enver Paşa (Pascha), geboren am 22. November 1881 in Istanbul; gestorben am 4. August 1922 bei Baldschuan in Tadschikistan, war Politiker, General und Kriegsminister des Osmanischen Reichs und einer der führenden Jungtürken. Kurz nach der Machtübernahme Anfang 1913 wurde İsmail Enver zusammen mit der Ernennung zum General auch den Ehrentitel „Pascha“ verliehen, unter dem er bis heute als „Enver Pascha“ bekannt ist.

Vom Holocaust an Armeniern war bereits im Jahr 1895 die Rede. Bereits Sultan Abdulhamid II. hatte die Armenier als Sündenbock ausersehen und nutzte einen provozierten Anlass in Konstantinopel (heute: Istanbul), um die Armenier zu verfolgen. Ende Dezember 1895 erreichten die gegen die Armenier gerichteten Pogrome, auch Urfa, eine der ältesten Städte der Menschheit, die heilige Stadt Abrahams in Ostanatolien. Einheimische kurdische Stammesführer plünderten, zusammen mit den Truppen des Sultans und seiner Spezialeinheit „Hamidiye“, innerhalb weniger Tage 2.400 Häuser und brachten über 10.000 Armenier und andere Christen um. Entsetzlicher Höhepunkt war die Brandschatzung der armenischen Kathedrale, in die sich 3.000 Armenier mit ihren Frauen und Kindern geflüchtet hatten. Man verbarrikadierte alle Eingänge und steckte die Kirche in Brand. Wer nicht verbrannte, erstickte am Qualm des frischen grünen Pfeffers, den man körbeweise in die Flammen warf.

Eine in Urfa anwesende amerikanische Missionarin gebrauchte für die Tat erstmals den Begriff „Holocaust“, der in einer englischen Bibelübersetzung für „Brandopfer“ steht. Kein einziger der Mörder wurde jemals zur Rechenschaft gezogen und eine Verantwortung ist in diesem Zusammenhang noch nie problematisiert worden, die der Kurden. Wenn von den Landschaften in Ostanatolien und Städten gesprochen wird, redet man gemeinhin von kurdischen Gebieten. Ja inzwischen leben dort fast nur noch Kurden. Vor einhundert Jahren waren die Kurden an der Vertreibung und Ermordung der Armenier aktiv beteiligt, sie haben sich mithilfe der Türken den Besitz der Armenier angeeignet, haben ihre Städte und Häuser übernommen. Noch nie habe ich von kurdischer oder offizieller türkischer Seite auch nur ein Wort des Bedauerns, eine Geste der Verständigung gehört.

Auch in Deutschland wissen wenige von den Vorgängen, die zum Holocaust an den Armeniern geführt haben, obwohl Deutsche involviert waren. Auf beiden Seiten. Den Armeniern stand der evangelische Pfarrer Johannes Lepsius, Leiter eines Spitals und eines Waisenhauses, zur Seite. Er dokumentierte den „Todesgang des armenischen Volkes“ und organisierte Hilfe. Die jungtürkischen Regierungstruppen wiederum wurden von dem deutschen Major Graf Wolffskeel von Reichenberg unterstützt, der den armenischen Widerstand niederschießen ließ. Oberstleutnant Böttrich unterschrieb die Deportationsbefehle (Deportation = Aussiedlung). Auch in Deutschland gibt es Widerstände, sich der Aufarbeitung dieser Geschehnisse anzunehmen. Einem, wie dem evangelischen Pfarrer Johannes Lepsius, ist noch kein Denkmal gesetzt worden. Es bedurfte einer Entschließung des Bundestages, damit die Dokumente von Lepsius über den Genozid endlich in Potsdam ausgestellt werden können.

Auf Intervention des türkischen Botschafters sollten vor einigen Jahren die Schulbücher für Brandenburg „bereinigt“ werden, von dem Völkermord sollte keine Rede mehr sein. Kenan Kolat, der Vorsitzende der „Türkischen Gemeinde in Deutschland“ gehört zu denjenigen, die die Interessen der Türkei vertreten. Er hat einen Brief an die Bundeskanzlerin geschrieben und sie darauf hingewiesen, dass der Ausbau des Lepsius-Hauses in Potsdam „die Völkerverständigung zwischen Armeniern und Türken erschweren“ werde.

Der Sozialdemokrat Kolat machte deutlich, dass sich sein Verband an Völkermord an den Armenier weder erinnern, noch ihm gedenken will. Ihn stört auch, dass türkische Schüler in Brandenburg vom Völkermord der Armenier im Osmanischen Reich erfahren. Dadurch würde ein „psychologischer Druck“ auf die türkisch-stämmigen Schüler erzeugt, der angeblich nicht nur ihre schulische Leistung, sondern auch den „inneren Frieden“ im Land gefährden würde. So kann eine aufgeklärte zivile Gesellschaft mit der Geschichte nicht umgehen. Solche Auffassungen sind, Integrationshindernisse und richten sich gegen eine aufgeklärte Gesellschaft. Gerade uns Migranten in Deutschland muss daran gelegen sein, dass das geschichtsklitternde (geschichtsverfälschende) Reinheitsgebot türkischer Politiker und ihrer Ableger in Deutschland nicht unwidersprochen bleibt.

Übrigens war Hitler über den Genozid und das Vorgehen der Jungtürken genauestens informiert. In seinem Prozess, in dem er sich für den Putsch von 1923 verantworten musste, berief er sich auf das Vorbild der Jungtürken. Und vor dem Überfall auf Polen 1939 wischte der „Führer“ alle Bedenken gegen die geplante Vernichtung der polnischen Eliten mit dem Hinweis beiseite: „Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?“ Hitler suchte darüber hinaus den strategischen Schulterschluss mit den Muslimen gegen die Juden. Er fand ihn im (Groß-)Mufti von Jerusalem (Hadj Mohammed Amin el Hussein), dem einflussreichsten Vertreter der Muslime im Nahen Osten.

Hadj Mohammed Amin al-Husseini, so hieß der Mufti, organisierte seit 1916 Aufstände gegen die jüdische Bevölkerung in Palästina, auch der Kampf um die Klagemauer, bei dem 1929 Hunderte von Juden und Araber starben, ging auf sein Konto. Mit dem Machtantritt der Nazis in Deutschland eröffneten sich ihm neue Perspektiven. Die Muslime suchten Kontakt mit Berlin, boten an, Aufstände gegen die Briten anzuzetteln, baten um Waffen und bekamen sie. Al-Husseini war dabei der politische, religiöse und militärische Strippenzieher. Als bei Kriegsbeginn 1939 die Lage auch in Jerusalem unsicher wurde, floh der Mufti nach Beirut und übermittelte in seiner Eigenschaft als Führer der arabischen Welt dem deutschen „Führer“ Adolf Hitler ein Angebot zur Zusammenarbeit. Es kam zum Teufelspakt zwischen Halbmond und Hakenkreuz. Der Mufti gelangte 1941 über Istanbul und Rom nach Berlin. Hier wurde er von Hitler empfangen. Er drängte ihn, die Araber offiziell beim „Kampf um eine arabische Nation“ zu unterstützen. Hitler ordnete an, al-Husseini auf die Gehaltsliste der Nazis zu setzen. Der Mufti wurde nicht müde, den Kampf gegen die Juden in Arabien zu organisieren.

Als der Mufti 1942 erfuhr, dass die deutsche Seite über den Austausch von 5.000 jüdischen Kindern aus der Slowakei, Polen und Ungarn gegen britische Kriegsgefangene verhandelte, intervenierte er bei seinem Freund Heinrich Himmler, denn, wenn diese Kinder in einigen Jahren erwachsen wären, würden sie das „jüdische Element“ in Palästina verstärken. Himmler verbot daraufhin den Austausch. Ähnliches wiederholte sich, als die Bukarester Regierung fast 80.000 Juden aus Rumänien nach Palästina ausreisen lassen wollte, sowie bei den Verhandlungen um 5.000 bulgarische Kinder im Februar 1943, statt nach Palästina wurden sie in die Vernichtungslager transportiert. Das religiöse Oberhaupt der palästinensischen Muslime erwies sich als wachsamer Helfershelfer des Holocaust.

Zurück zu den Türken und ihr Verhältnis zu den Juden ihres Landes. Der Integrationsminister von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, spricht sich in seinem Buch „Die Aufsteigerrepublik“ dafür aus, den jungen türkischstämmigen Jugendlichen die Empathie mit den Opfern des Holocaust zu ermöglichen, in dem man ihnen nahe bringt, „dass es gerade die junge türkische Republik unter Atatürk war, die tausenden Verfolgten in der Nazizeit Asyl gewährten.“ Leider muss man feststellen, dass auch Minister in diesem Land manchmal von Dingen sprechen, über die sie sich schlecht informiert haben.

1933 lud die türkische Republik dreißig, später 200 deutsche Wissenschaftler ein, um in der Türkei eine neue universitäre Ausbildung zu begründen. Es waren meist rassisch Verfolgte der „Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland“, u.a. der Architekt Bruno Taut, die Erfinderin der Einbauküche Margarete Schütte-Lihotzky, der Komponist Paul Hindemith, Ernst Reuter usw. mit ihren Familien; insgesamt 1.000 Personen. Als Atatürk 1938 starb, wurden die meisten Verträge nicht verlängert, viele der Emigranten wurden 1944 in Internierungslager gebracht. Die „neutrale“ Türkei verlangte auf Druck der deutschen Regierung ab 1938 „Ariernachweise“ von Flüchtlingen und suchte den Fluchtweg von Juden über die Türkei zu verschließen. Mit den eigenen Juden ging man nicht besser um.

Nach Angaben von jüdischen Organisationen hatten sich in Europa vor Beginn des Krieges fast 20.000 türkische Juden niedergelassen, eine enorme Zahl angesichts der 82.000 türkischen Juden, die 1927 in der Türkei selbst registriert waren. In Berlin unterhielten sie sogar eine eigene Synagoge. Nach den Beschlüssen der Wannsee-Konferenz zur „Endlösung“ der Judenfrage wurden die Regierungen von zehn europäischen Staaten, auch die der Türkei, vom Reichsaußenminister im Juli 1943 von der Möglichkeit informiert, „Juden ihrer Staatsangehörigkeit aus dem deutschen Machtbereich heimzuschaffen“.

Die türkische Regierung hatte damit keine Eile. Sie bat die deutsche Botschaft wiederholt um Fristverlängerung. Die Botschaft wiederum mahnte die Türkei mehrfach, doch endlich zu reagieren. Als diese dennoch nichts unternahm, um ihre Leute zurückzuholen, übernahm die Sicherheitspolizei in Brüssel die Regie. Am 13. Januar 1944 teilte sie dem Auswärtigen Amt mit: „Inzwischen sind eine Reihe türkischer Juden in ein Konzentrationslager überstellt worden. Die Schlüssel der Wohnungen dieser türkischen Juden sind über die Botschaft Paris dem für Belgien zuständigen Türkischen Generalkonsulat zugestellt worden.“

In der Türkei, unter Türken und unter Muslimen fehlt ein öffentlicher Diskurs über diese Dinge. Es fehlt an einer Auseinandersetzung mit der Geschichte. Bei meinen Recherchen bin ich häufig auf ein Verhalten gestoßen, das ich, in Anlehnung an das Ehepaar Mitscherlich (Die Unfähigkeit, zu trauern.), „die Unfähigkeit, sich zu erinnern“ nennen möchte. Begründet ist diese Unfähigkeit nicht nur im kollektiven Unwissen, sondern auch ein genereller Abwehrreflex. Geschichte erscheint als unbedeutend, wenn sie nicht die eigene Größe dokumentiert.

In der türkischen und der muslimischen Gesellschaft herrscht ein großes Misstrauen gegen das offene Wort und die freie, kritische Nachfrage. Schnell wird einem unterstellt, Kritik gelte nicht dem besonderen Gegenstand, dem spezifischen Ereignis, der einzelnen Person, stelle vielmehr die Nation, die Türken oder den Glauben unter Generalverdacht.

Eine Gesellschaft, die sich gegen das freie Wort mit staatlicher Macht abzusichern oder kritische Stimmen diffamiert, kann mit sich selbst nicht im Reinen sein. Sie bleibt, in einer Art Bewusstseinsgefängnis stecken. Was die Mitscherlichs mit Blick auf die Verdrängung der während des Dritten Reiches begangenen Verbrechen schrieben, gilt auch für die türkische Gesellschaft von heute: „Die Getöteten können wir nicht zum Leben erwecken. Solange es uns aber nicht gelingen mag, uns den Lebenden gegenüber aus den Vorurteilsstereotypen unserer Geschichte zu lösen, werden wir an unserem psychosozialen Immobilismus wie an eine Krankheit mit schweren Lähmungserscheinungen gekettet bleiben.“

Für mich liegt in diesem „psychosozialen Immobilismus“ eine der Wurzeln für die vielen Widersprüche, denen ich bei Vertretern der Türken und Muslime begegne.

Dabei können wir zum allgemeinen Nutzen sehr direkt und zu aller Nutzen aus der Geschichte lernen, nämlich wenn wir bereit sind, vorurteilslos über Fakten zu sprechen und sie gemeinsam zu analysieren. So strebten die Nazis die Volksgemeinschaft statt des Bürgerstaates an. Die Islamisten kämpfen statt der Bürgergesellschaft für die Glaubensgemeinschaft als Leitkultur. Im islamischen Zentrum in Hamburg hört sich das dann so an: „Aber wenn die Menschen den religiösen Rahmen annehmen und die Praktizierung der Scharia verlangen und sich die Gesellschaft entlang der islamischen Werte bewegt und dafür ihre Stimme gibt, werden sie mit einer demokratischen Methode die Demokratie durch Religion einschränken.“

Zum Glück fühlt sich nur eine Minderheit der Migranten und Muslime in Deutschland durch Türken- und Islamvereine vertreten, obwohl die sich aufführen, als seien sie deren Sprecher. Die anderen Menschen möchten in Deutschland ankommen. Aber es ist schwer, Verantwortung zu übernehmen und Mut zu zeigen, wenn die deutsche Öffentlichkeit selbst keinen Mut zeigt, über unangenehme Dinge zu sprechen. Dieses Land hat mit der Aufarbeitung seiner jüngsten Geschichte eine beispielhafte Leistung vollbracht. Ich wünsche mir auch für die deutsche Gesellschaft, dass wir diese Verantwortung gemeinsam wahrnehmen und die Bürgerrechte verteidigen. Die Gestaltung der Zukunft darf nicht in einer Art Erschöpfung Anderen überlassen werden.

Dr. Necla Kelec ist Soziologin und ständiges Mitglied der deutschen Islamkonferenz. Ihr jüngstes Buch Bittersüße Heimat erschien 2008 bei Kiepenheuer und Witsch. Ihr Text ist die gekürzte und überarbeitete Fassung einer Rede, die Dr. Necla Kelec am 9. November 2009 in der Paulskirche zum Gedenken an die Pogromnacht hielt.

Quelle: Die Muslime und der Holocaust

Weitere Texte von Necla Kelek

Zu dem obigen Thema eine Information von #25:

Die “Jungtürken” nutzten den Ausbruch des 1.Weltkrieges, an der Seite Deutschlands stehend, dazu, den bereits vor dem Krieg ausgearbeiteten Plan zur Ausrottung der “fremdländischen” Armenischen Bevölkerung in die Tat umzusetzen. Von etwa 2 Millionen im Osmanischen Reich lebenden Armeniern blieben nicht mehr als 100.000 am Leben. Nachdem es in Kurdistan zu zahlreichen Aufständen gekommen war, begannen die “Jungtürken” mit der planmäßigen Vernichtung des kurdischen Volkes. Dieser fielen in den Jahren 1914 bis 1918 mehr als 700.000 Kurdinnen und Kurden zum Opfer.
Und so sah die „Verschickung der Armenier“ aus:

Schlachthaus hiess die Provinz Elaziz deshalb, weil viele „Deportierte“ in die idyllische Hügellandschaft am Gölcük-See geleitet, dort ermordet und ausgeraubt wurden. Grauen und Obszönität beherrschten das Bild, das sich dem amerikanischen Arzt Atkinson, Tacys Ehemann, und dem amerikanischen Konsul Davis bei einem Erkundungsritt Anfang Oktober 1915 bot. Sie schätzten die Zahl der Leichen von meist nackten Frauen und Kindern auf mindestens 10 000. «Die meisten Körper wiesen klaffende Bajonettwunden auf, meist im Unterleib oder in der Brust, bisweilen in der Kehle. Wenige waren erschossen worden, da Munition zu wertvoll war. Es war billiger, mit Bajonetten und Messern zu töten», schrieb der Konsul.

In diesem Fall scheinen materielle und sexualsadistische Anreize genügt zu haben, um Kurden der Region als Täter anzuwerben. Generell verantwortlich für solche Massaker war jedoch die Spezialorganisation, die das Zentralkomiteemitglied Bahaettin Schakir leitete.

Quelle: Die armenische Tragödie

Die Niederlage des Osmanischen Reiches an der Seite Deutschlands im 1.Weltkrieg besiegelte sein endgültiges Ende und durchkreuzte die Pläne zur vollständigen Vernichtung des kurdischen Volkes.

In den Kommandolagern (der MHP =Millietci Hareket Partisi = Nationalistische Bewegungspartei) wurden bis zu 100.000 Kommandoangehörige ausgebildet. Diese Kommandos erhielten dann den Namen “Bozkurtcula” (”Graue Wölfe”), in Erinnerung an das Tier, das entsprechend der panturanistischen Legende die letzten türksichen Stämme aus den Altai- Gebirgen in Zentralasien geführt und damit gerettet hatte…..

Aber bereits vorher hatte es schon Massaker an den Armeniern gegeben. Ich verweise auf die Massaker 1894 bis 1896, bei denen mindestens 50.000 vermutlich aber weit über 100.000 christliche Armenier ums Leben.

Hauptmotiv der Massaker von 1895 waren ebenfalls Raub inklusive Landraub. Die lokalen muslimisch-sunnitischen Täter beneideten die besser gebildete, wirtschaftlich aufstrebende Minderheit der Armenier.

Der weiterreichende Hatt-i Hümayun, vom Februar 1856, löste in der ganzen Levante weitverbreitete Aufstände aus, die ihren fürchterlichen Höhepunkt im Frühling und im Sommer 1860 erreichten. Zwischen 20 000 und 25 000 Christen wurden im Libanon und in Damaskus brutal abgeschlachtet, während Tausende durch Hunger und Krankheiten umkamen und weitere Hundertausend gewaltsam entwurzelt wurden. Frauen wurden für Harems ergriffen, Mütter gezwungen, ihre Kinder zu verkaufen. Bis auf den heutigen Tag sprechen Maroniten mit Bitterkeit von den Madhabih al-Sittin, den Massakern von 1860.

Der Gouverneur der Provinz (velayet) Damaskus verschloss bewusst die Augen vor den Greueltaten, die unter seiner Gerichtsbarkeit verübt wurden, und Soldaten unter seinem Kommando beteiligten sich sogar aktiv an den Massakern. Im Libanon waren osmanische Truppen beteiligt an der Vorbereitung und der Bewaffnung der massakrierenden Druzen, während türkische Freischärler die unglücklichen Flüchtlinge ausplünderten. Wen wundert es, daß beim Tod des reformerischen Sultans Abdul Mejid, im Juni 1861, Muslime in Syrien in Schreie “der Islam ist gerettet” ausbrachen

Die Christenverfolgung in der Türkei hat eine lange Tradition

Selbst in der laizistischen Türkei, in der die Trennung von Staat und Religion erfolgt, kommt es in den letzten Jahren durch islamische Fundamentalisten wieder verstärkt zu gewaltsamen Übergriffen auf christliche Priester, Nonnen und Missionare. Diese Ereignisse erinnern an den Völkermord, der zwischen 1915 und 1918 an 1,5 Millionen armenischen und 750.000 assyrischen Christen im Osmanischen Reich, aus dem 1923 die Türkei hervorging, durchgeführt wurde. Zwei Drittel der getöteten männlichen Armenier wurden in 30 „Schlachthäusern“ enthauptet. Tausende armenische Frauen und Kindern dagegen wurden in muslimische Familien gebracht, wo sie zwangsislamisiert und als Muslime erzogen wurden. Wer den Völkermord jedoch in der Türkei erwähnt, riskiert bis heute eine Freiheitsstrafe. Auch im Ausland unternimmt die Türkei viel, um Menschen, die über den Völkermord an den christlichen Armeniern in der Türkei berichten wollen, mundtot zu machen.

Von den einst 250.000 griechisch-orthodoxen Christen in Istanbul sind knapp 2.000 übriggeblieben, von mehr als 2 Millionen christlichen Armeniern in osmanischer Zeit leben noch ganze 70.000 in der Türkei.

Genozid an über 500.000 aramäischen Christen

Vergessen ist der zeitgleich (1915-1917) mit dem Genozid an den Armeniern stattgefundene Völkermord an über 500.000 christlichen Aramäern im damaligen Osmanischen Reich. Die Leidensgeschichte der aramäischen Christen ist weitgehend unbekannt. Der osmanisch-türkische Massenmord an über 500.000 christlichen Aramäern im Ersten Weltkrieg ist bisher von keinem einzigen Staat offiziell verurteilt worden.

Viele der Aramäer sind ins Ausland geflüchtet. Sie sehen Aufgrund von Verfolgung, Diskriminierung und Anschlägen keine Zukunft mehr in der Türkei. Heute leben nur noch etwa zwei- bis dreitausend aramäische Christen in der Türkei. Ohne Unterstützung einer breiten Öffentlichkeit im Ausland können die aramäischen Christen in der Türkei nicht überleben. In einigen Jahrzehnten werden wohl nur noch die Geschichtsbücher über das einst blühende Leben der aramäischen Christen in der Türkei berichten. Heute ist der Islamunterricht an den aramäischen Schulen für die wenigen übrig gebliebenenen aramäischen Christen Pflicht.

Immer häufiger schlägt den Christen in der Türkei von islamistischer oder nationalistischer Seite offener Hass entgegen. Die Ermordung der Bibel-Verlag-Mitarbeiter in der Stadt Malatya steht für eine ganze Reihe von Übergriffen. Im Südosten der Türkei werden die Weinberge syrisch-orthodoxer Christen angezündet. Auch heute noch sind in der Türkei, die um die Aufnahme in die europäische Gemeinschaft kämpft, christliche Kirchen rechtlich nicht anerkannt. Sie dürfen also kein Eigentum erwerben. Christen dürfen keine Immobilien, keine Bankkonten und keine religiösen Schulen besitzen. Sie dürfen auch keine Priester ausbilden. Den in der Türkei lebenden Priestern ist es nicht erlaubt, ihre Priesterkleidung in der Öffentlichkeit zu tragen und Prozessionen abzuhalten. Und immer wieder wird christliches Eigentum entschädigungslos enteignet.

In der Türkei, das einst ein christliches Land war, leben heute nur noch etwa 100.000 Christen, das entspricht 0,15 Prozent der Bevölkerung. Trotzdem bezeichnete der türkische Religionsminister Ali Bardakoglu unlängst den Übertritt von 368 Muslimen zum Christentum, als den Versuch, die Türkei zu zerstören.

Das osmanische Reich wollte nicht nur alle Christen / Aramäer ermorden, sondern auch alle Juden

Das wurde jedoch von dem deutschen General Erich v. Falkenhayn verhindert: Zwar konnte er die Eroberung Palästinas durch die Engländer unter General Edmund Allenby im Dezember 1917 nicht verhindern, wohl aber vorher noch die Zwangsumsiedlung aller Juden aus Palästina, die von der türkischen Regierung unter dem Statthalter Cemal Pascha im Sinne des türkischen Völkermords an den Armeniern geplant war.

Bleibenden Ruhm hat er sich durch sein Verhalten im Judenpogromkonflikt 1917 erworben: „Ein unmenschlicher Exzeß gegen die Juden in Palästina wurde allein durch Falkenhayns Verhalten verhindert, was vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts einen besonderen – und Falkenhayn auszeichnenden – Stellenwert erhält.“[Zitat Holger Afflerbach]

Quelle: Erich von Falkenhayn

Tabu: Der türkische Völkermord an den Griechen

Die Türkei hat nicht nur den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts an den Armeniern zu verantworten, der bis heute geleugnet wird und dessen Erwähnung als „Beleidigung des Türkentums“ bestraft wird. Einen weiteren Völkermord haben sich die Türken 1922 in Smyrna (heutiges Izmir) zuschulden kommen lassen, dem etwa 120.000 – 300.000 Griechen und Armenier zum Opfer fielen.

Die Einnahme der kurz zuvor von griechischen Streitkräften geräumten Stadt Smyrna (türk. Izmir) durch türkisch-nationalistische Truppen im September 1922 beendete die 2500jährige griechische Präsenz in der Region. Die Eroberer plünderten die wehrlose, überwiegend von Christen bevölkerte Stadt und verübten schauderhafte Massaker. Kurz zuvor konnte noch ein Teil der griechischen Bevölkerung von englischen Schiffen aus der Stadt evakuiert werden.

Der armenische Arzt Garabed Hatscherian war einer der Überlebenden des Massakers. Das Buch Smyrna 1922. Das Tagebuch des Garabed Hatscherian von Dora Sakayan gehört zu den wichtigsten Zeugnissen des türkischen Völkermords an Griechen und Armeniern nach dem 1. Weltkrieg. Dora Sakayan hat das sorgsam in der Familie aufbewahrte Tagebuch ihres Großvaters 1995 veröffentlicht. Beschrieben wird das barbarische Vorgehen von türkischer Polizei und Armee, nachdem das griechische Militär aus Smyrna abgezogen war. Garabed Hatscherian schreibt von Massenvergewaltigungen, dem Niederbrennen ganzer Stadtviertel (Video) und vom enthemmten sadistischen Quälen unschuldiger Christen durch die türkische Soldateska. Jedes christliche Haus der Stadt und selbst die Kirchen, in die sich viele Menschen geflüchtet hatten, sind in Brand gesetzt worden, so berichtet er.

Hatscherian bleibt zunächst in Smyrna, in der „Hoffnung, dass die Türken ein zivilisiertes Volk“ sind. Allerdings hat er sich darin schwer getäuscht und schließlich gelang es ihm in letzter Minute, auf dem US-Konsulat für sich und seine Frau und die Kinder Schiffstickets zu erstehen, um endlich „aus dieser Stadt des Leidens“ herauszukommen. Nur mit Hilfe „vieler Geldscheine“ gelangte die Familie an Bord des Dampfers. In der Dunkelheit am Sonntag, 24.09.1922, setzt sich endlich eine „aus sieben Passagierschiffen bestehende Flotte unter Führung eines amerikanischen Kriegsschiffes in Bewegung“ Richtung Mytilene [die Agäis-Insel Lesbos] als Ort, „wo die türkische Barbarei nicht mehr herrschen wird, wo wir die türkischen Soldaten und das blutfarbene Banner nie wieder sehen werden.“ Die zehn zurückgebliebenen Familienmitglieder der Hatscherians wurden von der Kemalistenarmee ermordet.

Quelle: Tabu: Der türkische Völkermord an den Griechen

Siehe auch:
Necla Kelek: Warum Heinz Buschkowsky Recht hat
Necla Kelek: Der Tugendterror der wütenden Salafisten
Necla Kelek: Frankfurt wird islamisch
Weitere Texte von Necla Kelek
Ulli Kulke: Alle fünf Minuten wird ein Christ getötet
Heinz Buschkowsky: Die bittere Wahrheit über Multi-Kulti
Armenischer Genozid: Schwarze Löcher der Türkei
Aghet, der Völkermord an den Armeniern
Die Ausrottung der Christen in der Türkei
Mein Verbrechen ist mein armenischer Name
Türkei: Christlicher Bischof von seinem türkischen Fahrer erstochen
520 Kirchen in Nordzypern geplündert, entweiht und zerstört
Christenverfolgung in der Türkei
Häuser von Christen in Istanbul gekennzeichnet

Information zum Thema Islam
Videos zum Thema Islam

Keine Kommentare: