Die Therapeuten (griechisch: therapeutes = Diener, nämlich Gottes) waren eine jüdische Gruppe von Einsiedlern, die sich offensichtlich im 1. Jahrhundert vor Christus in Ägypten gründete und mindestens bis zum 1. Jahrhundert nach Christus bestand. Dies geht aus einer Schrift des jüdisch-hellenischen Philosophen und Theologen Philo(n) von Alexandrien (20 v.Chr. - 40 n.Chr.) hervor, die er im 1. Jahrhundert nach Christus verfasste. Die Therapeuten verschenkten all ihr Habe und zogen sich aus der Familie in die Gärten außerhalb Alexandrias zurück. Ihre Siedlungen waren oberhalb des mareotischen Sees bei Alexandria. Sie lebten asketisch und ehelos einzeln in Hütten, nur mit dem Nötigsten an Essen und Kleidern versorgt. In ihrer Gemeinschaft waren Männer wie Frauen gleichberechtigt. Die weiblichen Mitglieder nannten sich Therapeutriden. Die Therapeuten gelten mit den Essenern als Vorläufer des christlichen Mönchstums. Die Therapeuten lebten vegetarisch und versuchten sich mit Wein- und Fleischverzicht zu läutern und dadurch Gott näher zu kommen. Das, was wir über die Therapeuten wissen, stammt vom ägyptischen Philosophen Philo(s) von Alexandria (20 v.Chr. - 40 n.Chr.), der selbst die Auslöschung von Begierde und Leidenschaft als das höchste Ziel des Menschen betrachtet, um Gottesschau zu erlangen. Er beschreibt die Therapeuten um etwa 10 n.Chr. in seiner Schrift „de Vita contemplativa“ ( Das kontemplative Leben.).
Der Bischof und Kirchenvater Eusebius von Caesarea (260-349) schreibt in seinem Buch "Kirchengeschichte" über Philo und die Therapeuten: „Er (Philo) berichtet sodann, daß man jene Männer Therapeuten und die gemeinsam mit ihnen lebenden Frauen Therapeutriden nenne. Diese Bezeichnung begründet er entweder damit, daß diese Leute gleich Ärzten die Seelen derer, die zu ihnen kommen, von der Sünde der Leidenschaften befreien, um sie zu heilen und gesunden zu lassen, oder damit, daß sie Gott in reinem, lauterem Dienste verehren. Er erzählt, daß sie, sobald sie anfingen, sich ihrer Philosophie zu widmen, ihr Vermögen an ihre Verwandten abtraten. Nachdem sie alle Sorgen um das Leben abgeworfen hatten, verließen sie die Mauern ihrer Städte und nahmen ihre Wohnungen an einsamen Orten und in Gärten, da sie wohl wußten, daß der Verkehr mit Andersgesinnten unnütz und schädlich ist. Im mutigen, glühenden Glauben lebten sie das Prophetenleben derer nach, welche wohl schon dereinst in gleicher Weise als Asketen gelebt hatten.“
„Das Geschlecht (der Therapeuten) findet sich an vielen Orten auf dem Erdkreise. Sowohl die griechischen als die barbarischen Länder sollten an dem vollkommenen Gute teilhaben. Stark vertreten ist es in Ägypten, und zwar in jedem der sogenannten. Distrikte, vor allem in der Umgebung von Alexandrien. Von allen Seiten her ziehen die edelsten Menschen in die Heimat der Therapeuten, um sich anzusiedeln; sie begeben sich an einen sehr günstigen Ort, der jenseits des Mareiasees auf einer etwas sanften Anhöhe infolge seiner Sicherheit und der Reinheit der Luft sehr glücklich gelegen ist.“ Nachdem Philo sodann die Beschaffenheit ihrer Wohnungen beschrieben hat, sagt er von den überall im Lande zerstreuten Versammlungsräumen: „In jedem Hause ist ein heiliges Gemach, welches Heiligtum und Einsamkeit genannt wird. Hier vollbringen sie in Abgeschlossenheit die Geheimnisse ihres würdigen Lebens. Nichts, weder Trank noch Speise, noch sonst etwas, was für den Unterhalt des Leibes notwendig ist, nehmen sie mit sich hinein, sondern Gesetze, von Gott eingegebene Worte der Propheten, Gesänge und anderes, wodurch Weisheit und Frömmigkeit gefördert und vervollkommnet werden.“
Später fährt er fort: „Ihre ganze Zeit zwischen Morgen und Abend gehört der Askese. Sie treiben Philosophie nach Art ihrer Väter, indem sie die heiligen Schriften lesen und allegorisch erklären (Die Allegorie, von griechisch "etwas anders ausdrücken", ist die Erklärung eines abstrakten Begriffs, etwa einer Tugend oder eines Lasters.). Sie halten nämlich die Worte für Sinnbilder einer verborgenen Wahrheit, die sich in Allegorien offenbare. Sie besitzen auch Schriften alter Männer, welche Urheber ihrer Richtung waren und zahlreiche Denkmäler ihrer in Allegorien verborgenen Lehre hinterlassen haben. Sie benützen diese als Muster, um ihre geistige Art nachzuahmen.“ Die bei ihnen gebräuchlichen Schriften der Alten, von denen Philo spricht, dürften wohl die Evangelien, die Schriften der Apostel und wahrscheinlich Erklärungen der alten Propheten sein, wie der Brief Paulus' an die Hebräer und noch andere Briefe des Paulus.
Philo schreibt: „Zunächst pflanzen sie in ihre Seele die Enthaltsamkeit gewissermaßen als Grundlage, um dann die übrigen Tugenden darauf zu bauen. Vor Sonnenuntergang dürfte wohl keiner von ihnen Speise oder Trank zu sich nehmen. Denn zu philosophieren betrachten sie als des Lichtes würdig. Der Finsternis dagegen würdig erklären sie die Befriedigung des Körpers. Jenem (der Philosophie) widmeten sie daher den ganzen Tag, dieser (dem Körper) dagegen nur einen kurzen Teil der Nacht. Einige, in denen ein besonders Verlangen nach Weisheit wohnt, denken erst nach drei Tagen an Nahrung. Wieder andere sind durch die Weisheit, welche reichlich und neidlos ihnen ihre Lehre spendet, so sehr mit Freude und Wonne gesättigt, daß sie noch einmal so lange fasten und kaum alle sechs Tage die notwendige Nahrung zu sich nehmen.“
„Wie Philo weiter erzählt, befinden sich in den erwähnten Kreisen auch weibliche Personen. Die meisten von ihnen waren bejahrte Jungfrauen, welche aber nicht wie manche heidnische Priesterinnen (die vestalischen Jungfrauen) aus Zwang die Jungfräulichkeit bewahrten, sondern vielmehr in freiwilligem Entschluß aus eifrigem Verlangen nach Weisheit. Da sie mit der Weisheit zusammenzuleben strebten, verachteten sie die fleischlichen Freuden und verlangten nicht nach sterblichen, sondern nach unsterblichen Nachkommen, welche nur eine gottliebende Seele aus sich zu gebären vermag.“
„Soll ich außerdem noch ihre gemeinschaftlichen Zusammenkünfte, ihre einheitliche, aber von Männern und Frauen getrennt ausgeführte Beschäftigung erwähnen und ihre religiösen Übungen, welche noch bis auf den heutigen Tag bei uns in Brauch sind und welche sich bei uns besonders am Feste des Erlöserleidens (Kreuzigung) in Fasten, nächtlichen Wachen und Betrachtungen des göttlichen Wortes zu äußern pflegen? Diese Übungen beschreibt Philo genau so, wie sie einzig und allein bei uns noch heute beobachtet werden, in seiner Schrift. Er erwähnt die Nachtwachen mit den frommen Übungen am großen Feste und die bei uns üblichen Hymnen und berichtet, daß, während ein einziger nach dem Takte würdevoll vorsingt, die übrigen still zuhören und nur am Schlusse der Gesänge miteinstimmen. An den genannten Tagen liegen sie auf Stroh am Boden und enthalten sich vollständig des Weines, aber auch jeglicher Fleischspeise und genießen nur Wasser und Brot mit Salz und Ysop (eine Heil- und Gewürzpflanze). Ferner beschreibt er die Art und Weise, in welcher diejenigen, welche zu genossenschaftlichen Verrichtungen und Diensten und zu der allerhöchsten Würde der Oberaufsicht erwählt worden sind, ihres Amtes walten.“
Professor Pieter W. van der Horst, schreibt in dem Buch „Frühjudentum und Neues Testament im Horizont biblischer Theologie“ über Philo und die Therapeuten: „Philo ist ein gutes Beispiel dieser asketischen Spannung im Judentum. In seiner platonisch-dualistischen Gedankenwelt kann der wahre Gläubige nur einer Sache nachstreben, nämlich, dass die Seele sich von der materiellen Welt des Körpers befreie und versuche, einen Zustand immaterieller Unsterblichkeit zu erreichen. Das größte Hindernis in diesem Prozess ist der Leib mit seinen Begierden. Das Leben ist ein unablässiger Streit mit diesen Begierden, ein Streit, in dem Gottes Hilfe unentbehrlich ist. Philo schildert seinen beispielhaften Helden Mose als einen zölibatären Menschen, aber sein Ideal kommt noch viel deutlicher in seiner Beschreibung der Gruppe der Therapeuten zum Ausdruck, das den aufschlussreichen Titel „Da vita contemplativa“ hat. Dort schildert er eine Gemeinschaft jüdischer Männer und Frauen, die ein striktes zölibatäres Leben in einem Kloster beim Mareotis-See, außerhalb Alexandriens führen. Die Therapeuten widmen sich dort völlig dem Studium der Heiligen Schrift, dem Gebet, dem Lobgesang und der Kontemplation. Während der Woche ist jede(r) für sich, in der Abgeschiedenheit seiner Zelle. Am Sabbat sitzt man bei einer gemeinschaftlichen Feier zusammen, wobei der Älteste eine Ansprache hält. (Alle sieben Wochen gibt es ein gemeinsames Mahl und Nachtfeier mit Hymnen und gelegentlichem Tanz.) Dabei bleiben die Männer und Frauen durch eine Mauer getrennt, die hoch genug war, damit sie sich nicht sehen können. Sie führen ein außerordentliches einfaches und bescheidenes Leben. Das Fasten ist ein wesentlicher Bestandteil ihres Lebens.“
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