Das Neue Testament beginnt mit dem Leben Jesu. Möchte man also etwas über die Keuschheit im Christentum erfahren, so ist es ratsam, ins Neue Testament zu schauen. Wie wir vom Alten Testament wissen, war die Keuschheit im Judentum keineswegs unbekannt, aber sie spielte eine eher untergeordnete Rolle. Im Judentum dominierte das Gebot von „peru u-revu“ (Seid fruchtbar und vermehret euch.), das selbst von den meisten Rabbis (jüdischen Schriftgelehrten) beachtet wurde. Die Einstellung zur Keuschheit wandelte sich allerdings durch die Bewegung der jüdischen Essener und Therapeuten und sie erblühte vollständig mit dem Erscheinen Jesus. Unter Jesus erhielt die Keuschheit eine zentrale Bedeutung. Dies spiegelt sich in vielen Stellen des Neuen Testaments wieder. Besonders der Apostel Paulus von Tarsus räumt der Keuschheit eine zentrale Bedeutung ein. Er thematisierte sie in seinen Briefen an die christlichen Gemeinden der Galater, Epheser, Philipper, Korinther, Kolosser und Thessalonicher, die er auf seinen Missionsreisen im griechischen Raum gegründet hatte. Auch in seinen Briefen an die Römer und in seinen Briefen, an Timotheus, Titus, Philemon und an die Hebräer, hob er die Bedeutung des Keuschheit hervor. Aber auch in den Evangelien von Matthäus, Lukas und Johannes, im Petrusbrief und im Jakobusbrief findet die Keuschheit lobende Erwähnung. Dies führte dazu, dass die Keuschheit zum Allgemeingut des Urchristentums wurde, welches in allen christlichen Gemeinden praktiziert wurde. Besondere Bedeutung fand es in den ersten Jahrhunderten bei den Wüstenvätern, die vor der Christenverfolgung des römischen Reiches in die ägyptische, palästinensische oder syrische Wüste flohen, um dort ein asketisches Leben als Eremit und Mönch zu führen. Nun aber möchte ich einmal einen Blick ins Neue Testament werfen.
Um 50 nach Christus hielt sich der Apostel Paulus in Thessalonoki, der heute zweitgrößten Stadt Griechenlands, auf, wo er eine christliche Gemeinde gründete. In seinem ersten Brief an die Thessalonicher sprach sich Paulus gegen die Unzucht aus und mahnte die Christen zur Heiligung ihres Leibes. Damit die Menschen Gott gefallen und immer vollkommener werden, sollten sie sich der Unreinheit des Leibes enthalten, da der Leib der Tempel des Heiligen Geistes ist, den Gott den Menschen selbst geschenkt hat (1 Korinther 6,19). Wer diesen Leib durch die sinnliche Lust verunreinigt, der verachtet den Willen Gottes. (1 Thessalonicher 4,3-8: „Denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung, und daß ihr meidet die Hurerei. Und ein jeglicher unter euch wisse sein Gefäß zu behalten in Heiligung und Ehren und nicht in der Brunst der Lust wie die Heiden, die von Gott nichts wissen... Denn Gott hat uns nicht berufen zur Unreinigkeit, sondern zur Heiligung... Wer dies verachtet, der verachtet Gott, der seinen heiligen Geist in euch gegeben hat.“)
Der Apostel Paulus geht in einem Brief an die Römer auf die Gottlosigkeit der Menschen ein und verurteilt die Homosexualität (Römer 1,27: „Männer haben verlassen den natürlichen Brauch des Weibes und sind aneinander erhitzt in ihren Lüsten und haben Mann mit Mann Schande getrieben und den Lohn ihres Irrtums an sich selbst empfangen.“) Er betrachtet die Homosexualität als schändlich und sagt, dass Menschen, die so etwas tun, Gottes Zorn zu spüren bekommen. Im Brief an die Korinther spricht er sich gegen die Knabenliebe aus, die sich unter dem Einfluss der griechischen Kultur im römischen Reich ausgebreitet hatte. (1 Korinther.6,9: „Wisset ihr nicht, daß die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Lasset euch nicht verführen! Weder die Hurer, noch die Abgöttischen, noch die Ehebrecher, noch die Weichlinge, noch die Knabenschänder... werden das Reich Gottes ererben.“ Aber nicht nur im Neuen Testament wird die Knabenliebe verurteilt, sondern bereits im Alten Testament. Im 3. Buch Mose wird die Knabenliebe sogar mit dem Tode bestraft. (3 Mose 20,13: „Wenn jemand beim Knaben schläft wie beim Weibe, die haben einen Greuel getan und sollen beide des Todes sterben...“).
Ich glaube, dass es bei der Bewertung der Homosexualität nicht darum geht, es moralisch zu verurteilen, sondern darum, den Menschen zu sagen, dass sie ihren Samen nicht aus Gründen der Wollust vergeuden sollten. Man sollte niemand wegen seiner Veranlagung verurteilen. Die hat er sich nicht ausgesucht, sondern die ist ihm in die Wiege gelegt worden. Aber jeder, der solch eine Veranlagung hat und sie auslebt, sollte sich darüber im Klaren sein, dass er sich damit den „Weg in's Himmelreich“ verbaut, wie jeder, der seinen Samen achtlos vergeudet. Damit meine ich nicht das Himmelreich im Jenseits, denn niemand weiß, ob ein solches Himmelreich überhaupt existiert, sondern das „Himmelreich“, welches der Mensch bereits zu Lebzeiten in Form von Glück, Zufriedenheit und ein erfolgreiches Leben, verwirklichen kann. Die Knabenliebe dagegen ist zu recht moralisch zu verurteilen, weil ein Kind nicht die Reife besitzt, die Tragweite eines solchen Verhaltens zu erfassen.
In der griechischen Stadt Korinth, in der Paulus sich 51 oder 52 n.Chr. etwa 18 Monate aufhielt, war es zur Inzucht gekommen. Ein Sohn hatte mit seiner Mutter geschlafen. In einem Brief an die Korinther verurteilt Paulus dieses Verhalten und spricht davon, dass derjenige der so etwas tut, dem Satan übergeben werden sollte, „damit das Fleisch verdirbt, der Geist aber selig werde am Tag des Herrn“. Jemand der Inzucht treibt, sollte also so lange in der Hölle schmoren, bis seine Sünden gereinigt sind, damit er am jüngsten Tag würdig vor Gott erscheint. Dann rät er den Gemeindemitgliedern, sich von Hurern, Geizigen, Abgöttischen, Lästerern, Trunkenbolden und Räubern fernzuhalten. Auch wenn der Blutschänder in der christlichen Gemeinde ist und sich Bruder nennt, sollte man sich von ihm abwenden und nicht an einem Tisch mit ihm essen. (1 Kor 5, 1-13)
Im selben ersten Brief an die Korinther warnt Paulus vor der Unzucht. Er weist darauf hin, den Leib nicht der Hurerei hinzugeben, sondern ihn zum Tempel des Herrn zu machen. Paulus weist darauf hin, dass der Leib Christi Glieder sind und dass man keine Hurenglieder daraus machen sollte. Er stellt die Frage: „Wisset ihr nicht, daß, wer an der Hure hangt, der ist ein Leib mit ihr?“, um anschließend darauf hinzuweisen: „Wer aber dem Herrn anhangt, der ist ein Geist mit ihm.“ Man soll den Leib, die Glieder Christi, nicht zu Gliedern einer Dirne machen, sondern eins mit dem Geist Christi werden. Darum soll man der Hurerei entfliehen. Wer aber hurt, der sündigt am eigenen Leibe. Dieser Leib aber gehört nicht den Menschen, denn er wurde von Gott teuer erkauft: „Oder wisset ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist, welchen ihr habt von Gott, und seid nicht euer selbst. Denn ihr seid teuer erkauft. Darum so preist Gott an eurem Leibe und in eurem Geiste, welche sind Gottes.“ (1 Kor 6, 13-20)
Paulus beschränkt sich jedoch nicht darauf, die Unkeuschheit abzulehnen, sondern entwickelt positive Gründe für ein keusches Leben. Seine Lehre beruht darauf, dass der Christ vom Geist Gottes regiert sein sollte und nicht vom Fleisch, denn die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmut, Keuschheit. Die Frucht des Fleisches aber ist Ehebruch, Hurerei, Unreinigkeit, Unzucht, Abgötterei, Zauberei, Feindschaft, Hader, Neid, Zorn, Zank, Zwietracht, Rotten, Haß, Mord, Saufen und Fressen. Paulus sagt, dass die Menschen die Freiheit besitzen, zwischen Geist und Fleisch zu wählen und rät den Christen, auf das Fleisch samt den Lüsten und Begierden zu verzichten, da die Wollüstigen nicht das Reich Gottes erben werden. (Gal 5, 13-26)
Den Brief des Paulus an die Epheser schrieb er aus römischer Gefangenschaft. Paulus war zuvor drei Jahre in der griechischen Stadt Ephesus (heute: Türkei) gewesen und hatte dort eine christliche Gemeinde gegründet. Im Brief an die Epheser muntert Paulus die Christen auf, als Gottes Nachfolger in Liebe zu wandeln, so wie Christus es ihnen vorgemacht hat. Hurerei, Unreinheit und Geiz allerdings steht einem Heiligen nicht zu. Ganz anders als im heutigen Christentum war das Urchristentum noch bestrebt, dem Wege Christi unmittelbar als Heilige zu folgen, denn kein Hurer und Unreiner hat Erbe am Reich Christi. Darum waren die Urchristen bemüht, im Licht des Herrn zu wandeln, damit sie Christus erleuchte. (Eph 5,1-20)
Kolossai ist eine Kleinstadt, die 170 km östlich von Ephesus liegt. Sie wurde zwischen 70-100 n.Chr. von einem Erdbeben zerstört. In seinem Brief an die Kolosser sagt Paulus der Gemeinde: „Seid auferstanden in Christus und trachtet nach dem, was droben ist und nicht nach dem, was auf Erden ist. So tötet nun eure Glieder, die auf Erden sind, Hurerei, Unreinigkeit, schändliche Brunst, böse Lust und den Geiz, welcher ist Abgötterei, um welcher willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Unglaubens.“ Denen aber, die in Christus wandeln, denen sich Christus offenbart, die werden an seiner Herrlichkeit Anteil haben. (Kolosser 3,1-7)
Im 7. Kapitel des ersten Briefes an die Korinther geht Paulus u.a. auf die Ehe und die Unverheirateten ein. Offensichtlich haben einige Gemeindemitglieder an Paulus geschrieben und Paulus gibt ihnen auf die verschiedenen Fragen Antworten. Paulus sagt, dass es gut ist, wenn der Mann kein Weib berühre. Da es den meisten Menschen aber schwer fällt, keusch zu leben, empfiehlt er den Gemeindemitgliedern, dass Mann und Frau einander heiraten sollten, damit sie keine Hurerei begehen. Er sagt auch, dass Mann und Frau sich einander nicht entziehen sollten, da sonst der Satan sie zur Unkeuschheit verführen könnte. Mann und Frau sollten nur keusch leben, wenn es die Zustimmung beider findet. Leider geht er nicht auf die Frage ein, was sie tun sollten, wenn einer von beiden keusch leben möchte. Diese Frage aber stellt sich sicher vielen Ehepaaren. Paulus wäre es zwar lieber, wenn alle Menschen so wie er keusch leben würden, da nur den Keuschen sich Christus in seiner ganzen Herrlichkeit offenbart, da nur der Keusche an dieser Herrlichkeit Christi teilhaben kann. Aber Paulus ist Realist und kennt die menschlichen Schwächen. Darum rät er Ledigen und Witwen, lieber zu heiraten, als Brunst zu leiden. (1 Kor 7, 1-9)
Den verheirateten Männern sagt Paulus: „Bist du an ein Weib gebunden, so suche (sie) nicht los zu werden.“ Den Unverheirateten dagegen empfiehlt er: „Bist du los vom Weibe, so suche kein Weib.“ Paulus sagt zwar daß der, der heiratet, nicht sündigt, aber er sagt gleichzeitig, dass der, der heiratet, leibliche Trübsal haben wird. Davor möchte Paulus die Menschen gerne bewahren. Darum rät Paulus den Gemeindemitgliedern sich nicht an weltliche Dinge zu klammern, denn alles Weltliche wird vergeh'n. Stattdessen sollten die Christen sich darum sorgen, was dem Herrn gefalle: „Wer ledig ist, der sorgt, was dem Herrn angehört, wie er dem Herrn gefalle; wer aber freit, der sorgt, was der Welt angehört, wie er dem Weibe gefalle.“ Gleiches rät er den Christinnen: „Die Jungfrau sorge sich um den Herrn, daß sie heilig sei am Leib und Geist. Die aber freit, sorgt sich, was der Welt, dem Manne, gefalle.“ Am Ende des 7. Kapitel sagt Paulus den Christen: „Wer verheiratet, der tut wohl; wer aber nicht verheiratet, der tut besser.“ Stirbt der Mann, so ist die Frau frei, zu heiraten, wen sie will. Seliger ist sie aber, wenn sie unverheiratet bleibt. (1 Kor 7, 25-40)
Das 7. Kapitel des Korintherbriefes zeigt, dass Paulus eine Gewichtung zwischen dem weltlichen und göttlichen Bestreben vornimmt. Paulus räumt ein, daß sowohl die Ehe als auch die Keuschheit Gaben Gottes sind und die Ehe für die Menschen empfehlenswert ist, die sich nicht enthalten können. Aus mehreren Gründen erachtet er jedoch die Keuschheit als empfehlenswerter. Einmal, weil die Keuschheit deutlicher als die Ehe, die Möglichkeit bietet, das zu tun, was dem Herrn gefällt. Schließlich gehört die Ehe zum „Wesen dieser Welt“, das vergeht. Der zweite Grund, warum Paulus die Keuschheit der Ehe vorzieht, liegt darin, dass der Geist Christi im Leib der Menschen wohnt und nur derjenige die Herrlichkeit Christi erfahren wird, der seinen Leib nicht seiner sinnlichen Lust opfert, sondern ihn heilig (keusch) hält.
Darum ruft Paulus die Christen auf: „Seid ihr in Christus auferweckt, dann strebt nach dem, was im Himmel ist... Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische! Darum tötet, was irdisch an euch ist: die Unzucht, die Schamlosigkeit, die bösen Begierden und die Habsucht, die ein Götzendienst ist. All das zieht den Zorn Gottes nach sich.“ (Kol 3,1-6) Hieraus erklärt sich auch die Empfehlung des Apostels: „Auch jene, die eine Frau haben, sollten so leben, als hätten sie keine“ (1 Kor 7, 29) Auch jene, die verheiratet sind, sollten also keusch leben. Dies heißt nicht, dass man seinem Ehepartner die Liebe verweigert, denn die eheliche Liebe sollte als Ausdruck der Liebe Christi verstanden werden. Die Eheleute können weiterhin zusammen leben, sie müssen sich nicht trennen, aber sie sollten (wenn sie keine Kinder mehr zeugen wollen) keusch leben und nach dem Göttlichen streben, um die Herrlichkeit Christi in sich zu entfalten. Aber Paulus weiß auch, dass nicht jeder die Kraft oder den Willen hat, enthaltsam zu leben. Darum empfiehlt er: „So sie aber sich nicht mögen enthalten, so laß sie freien; es ist besser (zu) freien, denn Brunst zu leiden.“ (1 Kor 7,9)
In den Briefen des Apostels Paulus an die Römer schreibt er:
„Denn die da fleischlich sind, die sind fleischlich gesinnt; die aber geistlich sind, die sind geistlich gesinnt. Aber fleischlich gesinnt sein ist der Tod, und geistlich gesinnt sein ist Leben und Friede. Denn fleischlich gesinnt sein ist Feindschaft gegen Gott, weil das Fleisch dem Gesetz Gottes nicht untertan ist; denn es vermag's auch nicht. Die aber fleischlich sind, können Gott nicht gefallen.“ (Römer 8,5-8)
„Lasset uns ehrbar wandeln wie am Tag. Nicht in Fressen und Saufen, nicht in Wollust und Unzucht, nicht in Hader und Neid, sondern ziehet den Herrn Jesus Christus an und pflegt das Fleisch nicht zur Erregung eurer Lüste.“ (Römer 13,14-14)
Auch beim Apostel Matthäus, dem Verfasser des Matthäusevangeliums finden wir Hinweise auf die Keuschheit. Matthäus war Zöllner und wurde von Jesus in den Kreis der 12 Apostel berufen. Den Namen Matthäus erhielt er von Jesus. Sein ursprünglicher Name war Levi. Matthäus galt als der Verfasser des ersten Evangeliums. Der Überlieferung nach, zog sich Matthäus im Jahr 42 n.Chr. nach dieser Arbeit nach Parthien zurück, um das Evangelium zu verkünden. (Die Parther waren ein antikes iranisches Volk und lebten südöstlich des Kaspischen Meeres.) Andere Überlieferungen berichten, dass er nach Äthiopien ging. Im 19. Kapitel des Matthäusevangeliums ist zu lesen: Einige sind von Geburt an zur Ehe unfähig; andere sind von Menschen zur Ehe unfähig gemacht; und wieder andere haben sich selbst zur Ehe unfähig gemacht, um des Himmelreichs willen. Wer es fassen kann, der fasse es! (Matthäus 19,12)
Was will uns Matthäus mit dieser Bibelstelle sagen? Zunächst einmal weißt er darauf hin, dass einige Menschen bereits von Geburt an zeugungsunfähig sind. Es gibt Menschen, die durch eine Krankheit von Geburt an zur Ehe unfähig sind. Menschen, die dagegen von anderen zur Ehe unfähig gemacht wurden, sind Menschen, die kastriert (beschnitten) wurden. In vielen Kulturen ließen sich Männer kastrieren, um sich von sexuellen Anfechtungen zu befreien. Doch gegen diese Praxis wandte sich bereits Kirchenvater Hieronymus. Auf dem 1. Konzil von Nicäa (325) und auf der Synode von Arles (452), wurden jene, die sich selbst kastrierten, aus der Kirche ausgeschlossen. Der Mensch habe nicht das Recht, einem sittlichen Kampf, den er mit Gottes Hilfe bestehen und durch den er reifen könne, mit dem Eingriff in seine körperliche Unversehrtheit auszuweichen.
Die dritte Gruppe, die Matthäus anspricht, sind die Menschen, die sich um des Himmelsreichs willen zur Ehe unfähig gemacht haben. Es sind die Worte Jesus, die Matthäus hier wiedergibt. Unter den Menschen, die sich selbst zur Ehe unfähig gemacht haben, versteht man aber nicht Menschen, die sich selbst kastrierten. Vielmehr sind es Männer und Frauen, die in Keuschheit leben. Es sind also Menschen, die zwar physisch zur Ehe fähig, die aber in einem Akt der Hingabe (Gelöbnis, Zölibat) auf die Ehe, auf die Sexualität, verzichten, um in das Himmelreich einzugehen. Wie man sich dieses Himmelreich vorzustellen hat, kann man am besten den Worten des Apostels Lukas entnehmen: „Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch.“ (Lukas 17,21) Um in dieses Himmelreich zu gelangen, muss man also nicht bis nach dem Tod warten, sondern jeder Mensch hat die Möglichkeit, dieses Himmelreich bereits hier auf Erden zu verwirklichen.
Viele christliche, buddhistische, hinduistische und islamische Heilige, Mönche, Nonnen, Priester, Wüstenväter, Yogis, Schamanen, Sufis und selbst viele agnostische und atheistische Menschen haben dieses „Himmelreich“ bereits zu Lebzeiten verwirklicht. Eigentlich ist das Erreichen dieses Himmelreiches ein physiologischer Vorgang, der an keine Religion und an keinen Glauben gebunden ist. Dieses Himmelreich zeichnet sich durch eine Seligkeit aus, die die Menschen, die es verwirklicht haben, Tag und Nacht begleitet. Diese Seligkeit ist letzten Endes auf körpereigene Drogen zurückzuführen. Da man in früheren Zeiten allerdings den Zusammenhang der physiologischen Vorgänge mit dem Zustand der Seligkeit nicht kannte, nahm man als Verursacher dieser Seligkeit ein höheres Selbst, eine Gottheit an, die den Menschen diese Seligkeit verlieh.
Vielfach verlegte man dieses Himmelreich auch ins Jenseits und verknüpfte es mit einem entsprechenden Leben nach dem Tode. Dies geschah auch im frühen Christentum. Die Christen gingen davon aus, dass das Ende der Welt unmittelbar bevorstand und das nur diejenigen ins Himmelreich eingehen würden, die den Worten Jesus folgten. Mir gefällt diese Interpretation des Himmelreichs allerdings weniger gut, weil sie auf der Annahme beruht, der jüngste Tag stehe unmittelbar bevor, was sich ja als falsch erwiesen hat. Außerdem beruht sie auf der Annahme, es gäbe eine Wiedergeburt (Reinkarnation), also ein Leben nach dem Tode, was natürlich niemand wissen kann. Es stellt sich außerdem die Frage, was wollen die Menschen denn wirklich? Wollen sie nicht in Wirklichkeit bereits in diesem Leben von allem Leid befreit sein und die Seligkeit des „Himmelreichs“ nicht bereits in diesem Leben erfahren? Ich denke, dies ist der Fall. Und ich denke, dieses ist möglich. Viele Heilige, Yogis und Erleuchtete haben es uns vorgelebt. Schaut man sich die Vita dieser Menschen an, dann erkennt man, dass sie alle die Keuschheit praktizierten, denn in der Regel waren es Mönche, Nonnen, Priester, Yogis etc. die dieses Ziel verwirklichten. Die Keuschheit ist also eine wichtige Vorraussetzung, um dieses „Himmelreich“ zu verwirklichen.
Im Kapitel 24 mahnt Matthäus zur Wachsamkeit. Das Kapitel schildert eine Situation, in der Jesus zusammen mit seinen Jüngern den Tempel von Jerusalem besucht, um sich anchließend mit ihnen auf den Ölberg zu begeben. Als Jesus mit seinen Jüngern den Tempel besuchte, prophezeite er ihnen, dass der Tempel eines Tages zerstört werden würde: „Wahrlich, ich sage euch: Es wird hier nicht ein Stein auf dem anderen bleiben, der nicht zerbrochen werde.“ Als Jesus dann mit seinen Jüngern auf dem Ölberg saß, fragten ihn seine Jünger, wann das Ende der Welt sein wird. Jesus erinnert zunächst an die Zeit der Sintflut. Auch zu jener Zeit waren die Menschen mit weltlichen Dingen beschäftigt. „Sie aßen, sie tranken, sie freiten und ließen sich freien, bis an den Tag, da Noah zu der Arche einging.“ Da sie mit lauter weltlichen Dingen beschäftigt waren, achteten sie nicht auf die Sintflut und ertranken in den Wassermassen. Darum warnte Jesus sie, dass dies auch am jüngsten Tag so sein wird: „Aber gleichwie es zur Zeit Noah's war, also wird auch sein die Zukunft des Menschensohnes.“ Denn wenn der jüngste Tag da ist, werden sie sich mehr ihren sinnlichen Begierden, statt dem Herrn, zuwenden. Diejenigen aber, die das Abendmahl verpassen, werden mit Heulen und Zähneklappern belohnt. (Matthäus 24,1-51)
Im Lukas-Evangelium geht der Apostel Lukas auf dieselbe Situation ein und beschreibt sie wie folgt: „Und wie es geschah zu den Zeiten Noahs, so wird's auch geschehen in den Tagen des Menschensohns: sie aßen, sie tranken, sie heirateten, sie ließen sich heiraten bis zu dem Tag, an dem Noah in die Arche ging und die Sintflut kam und brachte sie alle um. Ebenso, wie es geschah zu den Zeiten Lots: Sie aßen, sie tranken, sie kauften, sie verkauften, sie pflanzten, sie bauten; an dem Tage aber, als Lot aus Sodom ging, da regnete es Feuer und Schwefel vom Himmel und brachte sie alle um. Auf diese Weise wird's auch gehen an dem Tage, wenn der Menschensohn wird offenbar werden.“ (Lukas 17,26-30)
Im Johannes-Evangelium lesen wir: „Liebt nicht die Welt und was in der Welt ist! Wer die Welt liebt, hat die Liebe zum Vater nicht. Denn alles, was in der Welt ist, die Begierde des Fleisches, die Begierde der Augen und das Prahlen mit dem Besitz, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. Die Welt und ihre Begierde vergeht; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit.“ (1 Joh 2,15-17)
Im zweiten Petrusbrief, den Petrus kurz vor seinem Tode, also im Jahre 66 oder 67 n.Chr. an verscheidene christliche Gemeinden in Kleinasien schrieb, verurteilt er die Wollust: „Der Herr weiß die Gottseligen aus der Versuchung zu erlösen, die Ungerechten aber zu behalten zum Tage des Gerichts, sie zu peinigen, allermeist aber die, so da wandeln nach dem Fleisch in der unreinen Lust... Sie achten für Wollust das zeitliche Wohlleben, sie sind Schandflecken und Laster..., haben Augen voll Ehebruchs, lassen sich die Sünde nicht wehren... Sie haben verlassen den richtigen Weg und gehen irre... Das sind Brunnen ohne Wasser, und Wolken, vom Windwirbel, umgetrieben, welchen behalten ist eine dunkle Finsternis in Ewigkeit. Denn sie reden stolze Worte, dahinter nichts ist, und reizen durch Unzucht zur fleischlichen Lust... und verheißen Freiheit, ob sie wohl selbst Knechte des Verderbens sind.“ Petrus sagt, solche Menschen leben nach dem Sprichwort: „Der Hund frißt wieder, was er gespieen hat;“ und: „Die Sau wälzt sich nach der Schwemme wieder im Kot.“ (2. Petrus 2,12-22)
Diese Erwähnung der Keuschheit im Neuen Testament geht also weit über die Erwähnung im Alten Testament hinaus. Jede Form von Keuschheit steht im Neuen Testament im gleißenden Licht, das vom Gedanken der Jungfräulichkeit und der Hoffnung auf das Himmelreich ausgeht. Damit zeigt sich wieder einmal, daß die „sinnlich nicht wahrnehmbaren Dinge die Grundlage des Sichtbaren“ sind (Hebr 11, 3) und daß das ewige Leben der Maßstab des irdischen Daseins ist.
Die Begierde
Keuschheit im Urchristentum
Das Zölibat
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