Die Missbilligung des Fastens
Die Ausnahme von der Regel der übertriebenen Askese war Hildegard von Bingen (1098 - 1179), die auch als Sybille vom Rhein205 bekannt ist, die geliebte Äbtissin des 12. Jahrhunderts. Als aristokratische, fromme, brillante, gelehrte, wissbegierige und mitfühlende Äbtissin eines Benediktiner-Frauenklosters überwachte Hildegard ihre Schwestern und schrieb ungeheuer viel. Sie hielt eine umfangreiche Korrespondenz und veröffentlichte bedeutende Arbeiten über ihre Visionen206, über medizinische Themen, Naturgeschichte und über das Leben verschiedener Heiligen. Hildegard erwies sich auch als Dramaturgin, Dichterin und Komponistin und verfasste Texte und Melodien zu 77 Liedern und das Singspiel "Ordo Virtutum", (Spiel der Kräfte), in dem sie den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse in 35 dramatischen Dialogen zur Darstellung bringt.
205Hildegards Eltern waren die Edelfreien Hildebert und Mechtildis. (Aus den Edelfreien entwickelte sich im Laufe des 12. Jahrhunderts der hohe Adel.) Als zehntes Kind der Eltern sollte sie ihr Leben der Kirche widmen (ein Zehnter an Gott). Darum schickten die Eltern ihre achtjähriges Tochter zu ihrer Verwandten, der Äbtissin Jutta von Sponheim, in das Benediktinerkloster Disibodenberg in Gegend von Kreuznach, wo sie erzogen wurde. Hildegard war immer wieder krank, kaum fähig zu gehen, oft auch durch Sehbehinderungen eingeschränkt. Nach dem Tod der Äbtissin wurde Hildegard 1136, mit 38 Jahren, zur neuen Äbtissin gewählt. Vom Jahre 1141 an (mit 43 Jahren) trat sie, die bereits als fünfjähriges Kind die Farbe eines Kalbes im Leibe der Mutter geschaut hatte, auch schriftstellerisch als Seherin, als „Sibylle vom Rhein“ auf.
206Hildegard war überzeugt, dass ihr die visionäre Begabung von Anfang an gegeben worden sei: "Bei meiner ersten Gestaltung, als Gott mich im Schosse meiner Mutter durch den Hauch des Lebens erweckte, prägte er dieses Schauen meiner Seele ein." Anfänglich war sie von ihren Schauungen befremdet. Sie merkte, dass andere nicht das sahen, was sie sah. "In meinem dritten Lebensjahr sah ich ein so grosses Licht, dass meine Seele erbebte, doch wegen meiner Kindheit konnte ich mich nicht darüber äussern Und bis zu meinem 15. Lebensjahr sah ich vieles, und manches erzählte ich einfach, so dass die, die es hörten, sich sehr wunderten, woher es käme und von wem es sei. Da wunderte ich mich auch selbst. Darauf verbarg ich die Schau, die ich in meiner Seele sah, so gut ich konnte. Ich schämte mich sehr, weinte oft und hätte häufig lieber geschwiegen, wenn es mir möglich gewesen wäre. Denn aus Furcht vor den Menschen wagte ich niemandem zu sagen, was ich schaute."
Sie sträubte sich innerlich dagegen, die Schauungen niederzuschreiben, weil sie sich für zu ungelehrt hielt. 1141, mit 43 Jahren, hörte sie eine himmlische Stimme. "Ich sah einen sehr grossen Glanz. Eine himmlische Stimme erscholl daraus. Sie sprach zu mir: "Gebrechlicher Mensch, Asche von Asche, Moder von Moder, sage und schreibe, was du siehst und hörst! Doch weil du schüchtern bist zum Reden, einfältig zur Auslegung und ungelehrt, das Geschaute zu beschreiben, sage und beschreibe es nicht nach der Redeweise der Menschen, nicht nach der Erkenntnis menschlicher Erfindung, noch nach dem Willen menschlicher Auffassung, sondern aus der Gabe heraus, die dir in himmlischen Gesichten (Geschichten) zuteil wird."
Nicht nur die theologischen Werke habe sie in der Schau empfangen, sondern auch vieles von ihrem natur- und heilkundlichen Wissen sei ihr in Visionen geschenkt worden, auch in ihren Briefen offenbare sie Gottes Wort, bekundete Hildegard. Hildegard legte Wert darauf, dass sie ihre Visionen in wachem Zustand und nicht "in der Bewusstlosigkeit der Ekstase" empfangen habe. In ihren Gesichten sah sie manchmal auch ein Licht, das sie lebendiges Licht nannte. "Solange ich es schaue, wird alle Traurigkeit und alle Angst von mir genommen, so dass ich mich wie ein einfaches junges Mädchen fühle und nicht wie eine alte Frau."
Quelle: Hildegard von Bingen 1
Man nannte die wohl größte Mystikerin Deutschlands ehrfurchtsvoll "Tischgenossin Gottes". Im Vorwort zu ihrem Hauptwerk "Liber Scivias" (Wisse die Wege des Herrn.), führt Hildegard aus: "Im Jahre 1141 der Menschwerdung Jesu Christ, als ich zweiundvierzig Jahre und sieben Monate alt war, sah ich ein überaus stark funkelndes Licht aus dem geöffneten Himmel kommen. Es durchströmte mein Gehirn, mein Herz und meine Brust ganz und gar, gleich einer Flamme, die jedoch nicht brennt, sondern erwärmt. Es erglühte mich so, wie die Sonne einen Gegenstand erwärmt, auf den sie ihre Strahlen ergießt. Und plötzlich hatte ich die Einsicht in den Sinn und die Auslegung des Psalters, des Evangeliums und der anderen Schriften des Alten und Neuen Testamentes."
"Die heilige Gottheit kann keiner je begreifen, nicht einmal berühren mit seinem Verstand, so hoch er ihn auch emporrecken mag. Gott ist höher als alles", schrieb sie knapp hundert Jahre, bevor der Philosoph und Dominikanermönch Thomas von Aquin207 (1225 - 1274) genau dies in unübertroffener Meisterschaft versuchte, bis auch er nach einer mystischen Erfahrung ein Jahr vor seinem Tod dieses Bemühen einstellte.
Quelle: Hildegard von Bingen 2
207Kleine Randnotiz zu Thomas von Aquin: Mit fünf Jahren wurde er in das Kloster Monte Cassino (138 km südöstlich von Rom) geschickt. 1244 trat er mit 19 Jahren gegen den Willen seiner Verwandten in Neapel in den Dominikanerorden ein. Daraufhin hielt ihn seine Familie ein Jahr lang im Schlossturm gefangen und versuchte ihn umzustimmen, aber nicht einmal ein Mädchen, das sie ihm brachten, vermochte das. Er hat sie verjagt. Der Sage nach soll er erst durch einen vorgetäuschten Überfall freigekommen sein.
Quelle: Thomas von Aquin
Hildegard von Bingen 2
Hildegard von Bingen 3
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