115Augustinus wird nicht christlich geboren und getauft. Sein Werdegang ist anders. Erst mit dreiunddreißig Jahren entschließt er sich zur Taufe. Als junger Mann ist er ganz andere Wege gegangen, denn er bejaht damals die manichäische Lebensauffassung, eine extrem dualistische Lehre, die zwei gleich starke Götter annimmt: Nach den Vorstellungen der Manichäer gibt es zwei sich seit Ewigkeit her bekämpfende Reiche und Götter, das Reich des Lichts mit dem Lichtgott und das Reich der Finsternis mit dem Gott der Finsternis. Der Gott der Finsternis wird von Mani mit dem jüdischen Gott Jahwe identifiziert. Jesus dagegen ist der aus dem Reich des Lichts herabsteigende Erlöser der Menschen. Diese Meinung entspricht der Lehre des iranischen Propheten Mani (216–277), der die beiden Götter miteinander kämpfen und so die Welt und den Menschen entstehen läßt.
Mani verstand sich selbst als Nachfolger der großen Religionsstifter: Jesus, Zarathustra und Siddhartha Gautama (Buddha). Entsprechend stellt der Manichäismus eine synkretistische Lehre dar, die sowohl zoroastrische, christliche als auch buddhistische Elemente enthält. Auch die geistige Strömung des Gnostizismus hatte Einfluss auf Manis Religion. In der manichäistischen Weltsicht stehen sich das göttliche Lichtreich und das Reich der Finsternis als Gegner gegenüber. Durch den Kampf zwischen diesen Mächten sind Teile des Lichts von der Finsternis gefangen und in der Welt eingeschlossen. Lebewesen zu töten, ja allein schon Obst zu pflücken, verletzt diese göttliche Substanz und verlängert ihre Gefangenschaft in der Welt.
Den Auserwählten wurden drei ethische Grundsätze (oder Siegel) auferlegt. Die Hörer sollten diese zumindest am Sonntag befolgen.
* Siegel des Mundes, mit der Enthaltung von Fleisch, Blut, Wein und Früchten.
* Siegel der Hände, mit der Enthaltung von jeglicher Arbeit. Nur zur Begrüßung durfte die rechte Hand gereicht werden, des weiteren waren auch rituelle Handauflegungen sowie jede Form geistiger Arbeit ausgenommen.
* Siegel der Enthaltsamkeit, mit dem Verbot jeglichen Geschlechtsverkehrs.
Um das Licht zu befreien und wieder zum Reich Gottes hinzuzufügen, braucht es die „Auserwählten“. Sie vermeiden jegliche Verletzung des eingeschlossenen Lichtes bzw. Verlängerung seiner Gefangenschaft, indem sie keinen Geschlechtsverkehr haben und weder Menschen, Tiere, noch Pflanzen verletzen. Für ihre Nahrungsbeschaffung müssen daher die „Hörer“ sorgen, eine Art manichäische Laien. In der Verdauung der Auserwählten wird das Licht von der Finsternis geschieden und durch Gesang und Gebet kann es wieder zu Gott zurückkehren. Hörer mussten dafür zu ihrer Reinigung mehrere Inkarnationen durchlaufen, was von einzelnen in Beziehung zur mittelalterlichen Lehre vom Fegefeuer gesetzt wird. Die Weltgeschichte endet mit einem Gericht, in dem Licht und Finsternis auf ewige Zeiten getrennt werden.
Er lehrt ferner, daß das Licht sich nur durch die völlige Trennung von der Materie, endzeitlich in einem Weltenbrand, manifestieren kann. Der einzelne Mensch aber, sollte er ein „Wissender“ werden wollen, kann nur durch völlige Weltentsagung emporstreben: durch Enthaltsamkeit von Fortpflanzung, Fleisch und Wein, aber auch von Arbeit und Besitz. Wer sich zu dieser Entsagung nicht berufen fühlt, kann sich darauf beschränken, einem „Wissenden“ zu dienen, in der Hoffnung, in einem späteren Leben in den Körper eines „Erwählten“ inkarniert zu werden. Diese ebenso extreme wie letztlich bequeme Lehre hat sich in der Spätantike rasch verbreitet, bis hin nach Indien, zumal Mani behauptete, Jesus, Zoroaster und Buddha seien seine Brüder. Er verfolgte damit einen religiös-kulturellen Internationalismus und sicherte sich selbst den höchsten Platz mit dem Hinweis, er sei der in den Abschiedsreden Christi verheißene „Tröster“ (Paraklet).
Der junge Augustinus hat nicht durchschaut, um welche Wissensqualität es sich hier handelt. Aber es ist überraschend, daß er nicht „Wissender“ sein wollte, sondern sich mit der Rolle eines „Hörenden“ begnügte. Hatte er Skrupel wegen seiner irdischen Liebesbande, die ja generell erlaubt waren, wenn keine Zeugung eintrat (den Wissenden war allerdings jeglicher Geschlechtsverkehr untersagt), oder fühlte er sich nach der Geburt seines Sohnes unwürdig?
Augustinus von Hippo war zehn Jahre "Hörer" der Manichäer. Nach seiner Abwendung vom Manichäismus (und der Hinwendung zum Skeptizismus116, gefolgt vom Neuplatonismus (Platon) und anschließend zum Christentum) bestimmten seine polemischen Schriften gegen die Manichäer bis in das 20. Jahrhundert die europäischen Vorstellungen vom Manichäismus.
116Der Skeptizismus ist eine philosophische Richtung, die den Zweifel zum Prinzip des Denkens erhebt und die darüber hinaus jede Möglichkeit einer Erkenntnis von Wirklichkeit und Wahrheit in Frage stellt.
Quelle:
Augustinus
Manichäismus
Mindestens ein Jahrzehnt lang legte Augustinus wenig Wert auf das Zölibat (nämlich als er "Hörer" bei den Manichäern war). Er war intensiv religiös und gehörte der manichäischen christlichen Sekte an, die später vom Christentum als häretisch betrachtet wurde. Mani (216 - 277), der Gründer des Manichäismus, wurde schließlich gefangengenommen und starb nach 26 Tagen im Gefängnis, wo er auch gefoltert wurde. Sein Tod wurden von seinen Anhängern als eine Art Kreuzigung stilisiert, in bewusster Anlehnung an den Tod Jesu Christi, auch wenn Mani nicht gekreuzigt wurde, sondern im Gefängnis wohl infolge der Einkerkerung verstarb. Sein Tod leitet die Verfolgung der manichäischen Kirche ein. Seine Religion bezog gnostische, christliche, buddhistische und zoroastrische Elemente ebenso mit ein, wie die griechische Philosophie. Sie hatte eine Hierarchie und Apostel und war durch die Doktrinen der "Sieben Bücher Manis" inspiriert, die er in aramäischer Sprache verfasst hatte.
Der Manichäimus war eine dualistische Religion, dem ein Prinz der Finsternis, einem Gott des Lichts gegenüberstand. In dieser Auseinandersetzung zwischen Licht und Dunkelheit, Gut und Böse, war der Körper der Manichäer nicht mehr als ein Gefängnis, der von Dämonen erschaffen wurde und in dem das Licht gefangen war. Das Ziel der Manichäer war es, das gefangene Licht zu befreien. Der einzige Weg, dieses Ziel zu erreichen, war durch das Zölibat. Allein das Zölibat und andere asketische Praktiken verhinderten die Erschaffung weiterer Gefangenschaften und befreiten das gefangene Licht.
Elf Jahre lang folgte Augustinus den Manichäern als "Hörer" (Auditor) der Wahrheit. Währenddessen stieg in ihm immer stärker das Verlangen, ein "Auserwählter" zu werden. Die Mitglieder der Auserwählten, der Elitegruppe der manichäischen Religion, mussten enthaltsam leben, da der Geschlechtsverkehr das innere Licht weiterhin in Gefangenschaft hielt und somit als Sünde angesehen wurde. Die Auserwählten mussten auch auf privaten Besitz und auf einen Beruf verzichten und eine strikt vegetarische Ernährung einhalten. Durch das Essen von Brot, Gemüse und entsamten Früchten konnten sie das gefangene Licht befreien.
Augustinus jedoch wurde nicht in der Kreis der Auserwählten aufgenommen. Wie die anderen "Hörer", wurde er moralisch geachtet, aber er galt den Auserwählten als spirituell unterlegen. Diese Ansicht kam dadurch zustande, da die Hörer als unfähig betrachtet wurden, auf weltliche Beschäftigung mit Geld, Besitz, Fleischgenuss und auf die Ehe, in Augustinus' Fall, auf die wilde Ehe, zu verzichten. In der manichäischen Weltsicht, waren alle Nichtauserwählten hoffnungslos hedonistisch (nur an materiellen Genüssen interessiert), böse und verloren.
Gib mir Keuschheit, aber jetzt noch nicht! 2
Gib mir Keuschheit, aber jetzt noch nicht! 3
Gib mir Keuschheit, aber jetzt noch nicht! 4
0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen