Gleichzeitig als die heidnische Askese sich im römischen Reich intensivierte, entwickelte sich ein apokalyptischer und asketischer jüdischer Kult. Die Essener gründeten sich vermutlich um 165 v.Chr. und bildeten bis 70 n.Chr. neben den Pharisäern und den Saduzäern eine dritte bedeutende jüdische Gruppierung. Sie befolgten genauestens die Gesetze Moses, beachteten den Sabbath65, den religiösen Kalender und praktizierten rituelle Reinheit. Sie glaubten daran, dass der Weltuntergang bevorstünde und dass sie zu den auserwählten Menschen zählen würden. Darum warteten sie auf einen zweifachen Messias, einen Sohn Gottes: einen priesterlichen aus dem Hause Aaron66 und einen königlichen aus dem Hause Davids oder Juda.
65Der Sabbat ist der von Gott gesegnete Ruhetag. Er beginnt in der Praxis am Freitagabend und endet am Samstagabend.
66Aaron ist der ältere Bruder Moses. Moses ist ist die Zentralfigur des Pentateuch (den fünf Büchern Moses), die nach der biblischen Überlieferung als Gesandter Gottes das Volk der Israeliten auf seiner Wanderung aus der Sklaverei in Ägypten in das kanaanäische Land (Palästina) führte.
Die Essener können als Vorläufer späterer Mönchsorden angesehen werden, die es aber im jüdischen Selbstverständnis damals noch nicht gab. Nach den antiken Quellen lebten sie getrennt vom offiziellen Tempeljudentum in klösterlicher Einsamkeit. Sie sahen sich selbst, als den Teil Israels, der den Weg der Vollkommenheit beschritt, als die wahren Israeliten. Damit grenzten sie sich als "Auserwählte" von der breiten jüdischen Masse ab. Sie lebten in asketischer Ordensgemeinschaft mit Gütergemeinschaft, ähnlich den ägyptischen Therapeuten bei Alexandria, bei denen es auch weibliche Mitglieder gab.
Jesus von Nazareth hatte (laut Neuem Testament) Berührung mit einigen Essenern, er übernahm vermutlich Ideen und Lehren aus Qumran, verwarf dafür wieder andere vehement. Er könnte nach der Bar Mitzwa, dem jüdischen Passageritus, bei der der religionsmündige jüdische Jugendliche in die Gemeinde aufgenommen wird, und vor seinem 30. Lebensjahr in Qumran gewesen sein, wofür inhaltliche Parallelen sprechen. Ebenso wie Jesus predigten die Essener Busse, Armut, Demut, Keuschheit und Nächstenliebe. Wie später bei Jesus von Nazareth führte dies zu heftigen Konflikten mit dem jüdisch-pharisäischen Amtspriestertum. Mehrere Essener sollen den Märtyrertod gestorben sein.
Anders als die Pharisäer und die Chassidim67, die sich selbst als "Die Fommen" bezeichneten, nannten die Essener sich das jüdische Volk. Die Essener gliederten sich wahrscheinlich in zwei Untergruppen. Die eine Untergruppe lebte im Zölibat und war als Orden organisiert. Ihr spirituelles Zentrum war möglicherweise das Kloster Qumran. Ableger gab es auch in Jerusalem und in der Batanäa (Judäa, jenseits des Jordans). Die zweite Untergruppe der Essener lebte nicht zölibatär.
67Chassidim sind eine Vereinigung endzeitlich orientierter Gruppen um 300 bis 175 v.Chr., die auf der Suche nach Recht und Gerechtigkeit ihre Wohnsitze verließen und in die Wüste zogen, um den religionspolitischen Zwangsmaßnahmen der Seleukiden zu entgehen. Seleukos I. war ein ehemaliger Feldherr Alexander des Großen, der nach dessen unerwartetem Tod einen Teil desAlexanderreiches übernahm.
Der jüdische Religionsphilosoph Philo von Alexandrien (20 v.Chr. bis 50 n.Chr.) schreibt über die Essäer (Essener):
Unzählige von Schülern hat unser Gesetzgeber zu einer Gemeinschaft gesalbt. Sie werden Essäer genannt. Ich glaube, sie sind angesichts ihrer Frömmigkeit dieser Bezeichnung würdig. Sie bewohnen viele Städte Judäas, aber auch große, vielbewohnte Dörfer. Bei ihnen gibt es keine Erwählung durch Abstammung, denn "Abstammung" schreibt man nicht bei Freiwilligen, sondern durch Tugendeifer und Verlangen nach Menschenfreundlichkeit. Bei den Essäern gibt es überhaupt kein (unmündiges) Kind, aber auch keinen heranwachsenden Knaben oder jungen Mann, denn die Unbeständigkeiten an diesen sind Gewohnheiten, die zur Unvollkommenheit des Jugendalters gehören, mit ihr neigen sie den Neuerungen zu. Es sind dagegen Männer, die schon dem reifen Alter zuneigen.
Sie werden nicht mehr von den Wallungen ihres Leibes überschwemmt und auch nicht von den Leidenschaften bestimmt, sondern sie ernten wahrhaftige und wirklich alleinige Wahrheit. Zeugnis von der Freiheit gibt ihr Leben. Keiner wagt es, überhaupt etwas zu besitzen, kein Haus, keinen Sklaven, kein Land, keine Herden, nichts anderes, was der Beschaffung oder Austattung von Reichtum gleich käme. Sie legen vielmehr alles geschlossen in die Mitte ihrer Gemeinschaft und haben den gemeinsamen Ertrag von allem. Sie wohnen an demselben Ort, sie leben in Freundschaftsbünden und halten gemeinsame Mahlzeiten und führen ihr Leben, indem sie alles für Gemeinnütziges einsetzen. Aber alle beschäftigen sich anders; dazu rüsten sie sich, ohne Zaudern kämpfen sie sich durch, nicht Frost, nicht Hitze, nicht wechselnde Witterung vorschützend.
Bevor die Sonne aufgegangen ist, wenden sie sich ihren gewohnten Aufgaben zu; wenn sie ganz untergeht, hören sie damit auf und haben nicht weniger Freude als die, die mit Übungswettkämpfen Vergleiche ausgetragen. Denn sie glauben, daß die Übungen, die sie unternehmen, fürs Leben tauglicher und für Seele und Leib besser und dauerhafter sind als die Übungen in den Wettkämpfen, da sie nicht der Kraftentwicklung des Körpers unterworfen sind. Denn es gibt bei ihnen die einen, Ackerbauern, die sich auf das Säen und die Pflege der Gewächse verstehen, die anderen aber, Herdenführer, die alle Arten von Tieren führen. Einige haben auch Schwärme von Bienen. Andere sind Handwerker entsprechend ihrer Fertigkeit. An nichs, was zu den notwendigen Bedürfnissen gehört, müssen sie Mangel leiden; nichts schieben sie von dem auf, was zu ehrlicher (wörtl. "unschuldiger") Erwerbsquelle führt.
Jeder nimmt den Lohn für so verschiedenen Tätigkeiten und übergibt sie dem einen Schatzmeister, der von ihnen gewählt wurde. Nach dem Empfang kauft jener sofort das Notwendige und sorgt für reichlich Nahrung und die anderen Dinge, die für das tägliche Leben notwendig sind. Sie leben miteinander an einem Ort, sind Tischgenossen und miteinander zufrieden, lieben die Genügsamkeit, fliehen das aufwendige Leben wie eine Krankheit an Seele und Leib. Sie haben nicht nur einen gemeinsamen Tisch, sondern teilen auch die Kleidung. Sie haben dicke Mäntel gegen den Winter, leichte Umhänge für den Sommer, so daß es jedem, der will, leicht möglich ist, eines zu nehmen, wenn er will, da das, was von einem ist als Teil von allen und das, was von allen ist, als Teil von einem erachtet wird. Und wenn einer von ihnen krank ist, wird er von der Gemeinschaft gepflegt, denn er wird mit den Aufwendungen und Mitteln von allen behandelt.
Quelle: Philo über die Essener
Als man nun im Jahre 1947 in Qumran die wohl bedeutendste Sammlung von Handschriften aus der Zeit um die Zeitenwende entdeckte, glaubte man diese rätselhafte Gruppe der Essener genauer fassen zu können. Viele der Texte, die man in den Höhlen am Toten Meer gefunden hatte, erinnerten an die Berichte bei Philo und Flavius Josephus. Und so glaubte man hier gleichsam das Schrifttum einer solchen monastischen Gemeinschaft aus essenischen Kreisen vorliegen zu haben.
Man identifizierte nun die Menschen, die in Qumran gelebt hatten, ganz einfach mit diesen Essenern oder auch mit den Therapeuten, die Philo erwähnte. Und man versuchte nun das Selbstverständnis dieser Menschen aus der Fülle des Schrifttums, das man in den Höhlen gefunden hatte, zu erschließen.
Von daher spricht man in der heutigen Literatur üblicherweise von den "Qumran-Essenern" und meint damit, in aller Regel, eine Gemeinschaft von Menschen, die nach einer festen Ordnung, beinahe ordensähnlich, in dieser Siedlung am Toten Meer gelebt haben.
Die Diskussion um die Qumran-Texte in den letzten Jahren hat aber gezeigt, dass dieser Schluss recht voreilig und von einer ganzen Reihe von Vorurteilen geprägt war.
Da viele der Qumran-Schriften in Auszügen zudem auch außerhalb von Qumran belegt sind, kann man möglicherweise sogar davon ausgehen, dass wir durch die Funde von 1947 so etwas wie einen gleichsam repräsentativen Querschnitt durch die jüdische Literatur der damaligen Zeit vorliegen haben. Das heißt aber, dass das, was wir in den Qumran-Schriften finden, nicht etwa das Denken einer einzigen Sekte, etwa der sogenannten Qumran-Essener, darstellt, sondern vielmehr verbreitetes Gedankengut der unterschiedlichsten jüdischen Gruppen der damaligen Zeit ist.
Wir können aus den Texten von Qumran, wenn diese Voraussetzung stimmt, demnach mit einiger Sicherheit erheben, was das zeitgenössische Judentum, oder zumindest Teile des Judentums zur Zeit Jesu gedacht, geglaubt, erhofft und erwartet haben.
Quelle: Antikes Judentum
Die Essener 2
Die Essener 3
Die Essener 4
Gab es die Essener wirklich?
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