Donnerstag, 7. Februar 2008

Das Orakel von Delphi

Das Zölibat war auch für die Frauen wichtig, die als irdische Stimmen männlicher Götter wirkten. Apollo, der Gott des Lichts, des Frühlings, der sittlichen Reinheit und Mäßigung sowie der Weissagung und der Künste, forderte, dass die Frauen, durch die er sein Orakel offenbarte, sexuell rein sein müssten, damit er alleinigen Zutritt in ihrem Körper hatte. In der antiken Welt waren Orakel Aussagen hoch geschätzter Gottheiten, die durch ihre Priester und Priesterinnen sehr vielen Menschen bei entscheidenden Fragen halfen. So fragte zum Beispiel der Verehrer "Soll ich diese Frau heiraten?" und der umsichtige Diplomat fragte "Soll mein Stadtstaat einen Krieg führen?" Am beliebtesten war das Orakel des Apollo-Heiligtums in Delphi42. Am siebten Tag43 jeden Monats konnte man das Orakel befragen. Eine Priesterin, die Pythia genannt wurde, antwortete, nachdem sie in Trance gefallen war, indem Apollo durch sie sprach. Die Priesterin sprach allerdings nur ein Kauderwelsch, welches durch priesterliche Deuter in Versform für den wartenden Bittsteller interpretiert wurde. Während belebter Zeiten hielten drei Priesterinnen die Orakelbefragung im Schichtbetrieb aufrecht.

42Der Kult in Delphi, der bis zum 5. Jahrhundert vor Christus Pytho hieß, war Apollo geweiht, wobei ursprünglich allerdings die Erdgöttin Gaia verehrt wurde. Der genaue Zeitpunkt der Übernahme des Heiligtums durch Apollo ist nicht mehr feststellbar, doch bereits der griechische Dichter Homer, der vermutlich gegen Ende des 8. Jahrhundert vor Christus lebte, sprach von einem Apollokult in Delphi. Es gab eine ganze Reihe Orakel in der antiken Welt, doch ragte das Apolloheiligtum von Delphi in seiner Stellung heraus. Weitere bedeutende antike Orakelstätten waren Ephyra (Totenorakel), Olympia (zuerst Fruchtbarkeitsgöttin Demeter, später Göttervater Zeus), Dodona (ältestes Orakel Griechenlands, Zeus gewidmet), Klaros (Apollo), Didyma (Apollo) und Ammonium (heute Siwah, eine Oase in der libyschen Wüste, hier wurde der agyptische Wind- und Fruchtbarkeitsgott Amun verehrt).

Auf die kultische Verehrung der Erdgöttin Gaia ist es zurückzuführen, dass Apollo nicht durch einen Priester, sondern durch eine Pythia, eine Priesterin, sprach. Diese saß auf einem Dreifuß im Adyton, dem unzugänglichen Allerheiligsten des Tempels, der über einer Erdspalte stand, aus dem ein ethylenhaltiges Gas quoll. Das Gas versetzte sie in Trance. Man glaubte, dass in diesem entrückten Zustand der Gott Apollo aus ihr sprach. Wobei einer neuen These zufolge der Trancezustand durch Sauerstoffmangel,durch den hohen Methan- und Kohlendioxid-Anteil der aus dem Gestein aufsteigenden Gase entstand, hervorgerufen wurde.

Die Priester des Orakels hatten ein ausgeklügeltes System entwickelt, um die Gläubigen zu täuschen und die Orakelsprüche glaubhaft zu machen. Umstritten ist, wieweit die Aussagen der Pythia, der Priesterin, von Priestern interpretiert und formuliert wurden und inwieweit diese auch von Informanten gewonnene Erkenntnisse in ihre Deutung miteinbezogen. Der amerikanische Forscher Joseph Fontenrose, der die griechische Religion und Mythologie erforschte, kam zu dem Ergebnis, dass die Pythia direkt zu den Fragestellern sprach. Allerdings wurden nur die begüterten Klienten individuell beraten und bekamen ausführliche, wenn auch oft rätselhafte Antworten. Die Ärmeren mussten mit einem Binärorakel (Ja-Nein-Orakel) vorlieb nehmen. Das Ende des Delphischen Orakels kam durch den christlichen Kaiser Theodosius I., der 391 n.Chr. alle Orakelstätten durch einen Erlass aufhob. Quelle: Orakel

43Das Orakel von Delphi sprach zunächst nur einmal im Jahr am Geburtstag Apollos, später am siebten Tag jeden Monats im Sommer. Im Winter legte es für drei Monate eine Pause ein. Nach griechischer Vorstellung hielt sich der Gott in dieser Zeit bei den Hyperboreern (Hyperborea ist das nördlichste Land, das den antiken Griechen bekannt war.) auf, einem sagenumwobenen Volk im Norden. Das Orakel wurde währenddessen von Dionysos, dem Gott des Weines, der Freude, der Trauben, der Fruchtbarkeit und der Ekstase, regiert.

Bevor die Priesterin das Orakel sprach, bedurfte es eines Zeichens Apollos. Die Priesterin besprengte eine junge Ziege mit eisigem Wasser. Blieb sie ruhig, dann fiel das Orakel für diesen Tag aus und die Ratsuchenden mussten einen Monat später wiederkommen. Zitterte die Ziege aber mit allen Gliedern, so wie die Priesterin es tat, wenn Apollo von ihr Besitz nahm, dann wurde sie als Opfertier geschlachtet und auf dem Altar verbrannt. Nun konnten die Weissagungen beginnen. Begleitet von zwei Priestern begab sich die Pythia zur heiligen Quelle Kastalia, wo sie nackt ein Bad nahm, um kultisch rein zu sein. Aus einer zweiten Quelle, der Kassiotis, trank sie einige Schlucke heiligen Wassers. Begleitet von zwei Oberpriestern und den Mitgliedern des Fünfmännerrates ging die Pythia anschließend in den Apollontempel. Sie wurde nun vor den Altar der Göttin des Herdfeuers, Hestia, geführt, wo aus einer Erdspalte die berauschenden Dämpfe aufstiegen und sie, mehr oder weniger in Trance, ihre Weissagungen machte.

Einst war jede Pythia eine junge Jungfrau. Aber nachdem ein Kunde eine Pythia verführte, wurden die Regeln geändert. Fortan vollzogen bäuerliche Frauen mit einem Mindestalter von fünfzig Jahren den Ritus. Zur Erinnerung an die Jungfrauen trugen sie allerdings ein mädchenhaftes, züchtiges Kleid. Die Pythias lebten streng zölibatär und verließen ihre Ehemänner, wenn sie ihre angesehene Position im Tempel antraten. Die Keuschheit der Pythia's war dabei von entscheidender Bedeutung. Apollo konnte keinen Körper betreten, der durch sexuelle Lust eines Sterblichen verunreinigt war. Darum war die Wahl älterer Frauen eine gute Strategie. Dies war auch ein Beispiel dafür, wie das Zölibat reiferer Frauen respektiert und geschätzt wurde, was eigentlich in der antiken Welt unnormal war.